Ein Text aus Reimer Boy Eilers' Hafen-Krimi

"Ebenholz und schwarze Tränen"

Damit Sie mal hineinschnuppern ins Hafenrand-Milieu – geht auch schon mal ins Erotische ...

 

Sie ließ meine Ohren glühen


Ich verließ die Pressekonferenz noch bevor der Geschäftsführer sie beendete. Es genügte, wenn Ernst Puttfarken den Rest in der letzten Reihe mithörte.
Im Fahrstuhl schaute ich auf die Uhr. Es war bald Mittag. Die Umstände drängten. Rolf musste einfach mit der Spur des Callgirls vorangekommen sein. Aber ich konnte nicht in die Detektei, um das gegenzuchecken. Ich hatte das Wichtigste heute morgen in diesem Hotel noch vor mir. Ungeduldig verfolgte ich die Stockwerksanzeige. Seit Beginn dieses Falls waren wir bisher stets zu spät dran gewesen, um das Gesetz des Handelns auf unserer Seite zu haben. Es ging nicht allein um die Wahrheit. Ob Moralisten ihre neuen Redaktionsräume mit Tropenholz schmückten, war genau genommen eine ziemlich abstrakte Frage. Sie ging mich jedenfalls nicht persönlich an. Was mich etwas anging, war die Tatsache, dass in dem ganzen großen Lügengewebe, das diesen Kongress vom Hotel am Hafen bis zum Kiez überspannte, lose Fäden hingen, an denen alle möglichen Leute zogen, um mich auf ihre Weise zum Tanzen zu bringen.
An der Rezeption in der Eingangshalle stellte der Portier für mich eine Verbindung mit Miss Rosebuds Zimmer her.
»Hier ist Singer«, sagte ich in die Sprechmuschel.
 »Mister Singer!« Sie hatte eine weiche, melodische Sopranstimme, die selbst durch das Telefon nicht zu kappen war. »Ich muss Sie tadeln«, sagte sie. »Ich hatte Ihren Anruf früher erwartet.«
Diese Bemerkung brachte meine Stimme allerdings fast zum Kippen. Oder zum Kieksen. Irgend etwas tat sie mit meiner Stimme, das ich keineswegs mitteilen wollte.
»Das tut mir leid«, sagte ich. »Ich meine, es freut mich. Lassen Sie michs so ausdrücken: Was kann ich tun, um mich von diesem Makel zu befreien?«
»Was schlagen Sie vor, Mister Singer?«, fragte sie.
»Haben Sie zufällig Zeit für ein Interview? Jetzt gleich? Es muss nicht alles nur von Herrn Golfriller kommen, oder? Oder geht das zu schnell? Ich meine, es dauert nicht lange. Aber ich will gern den aktuellen Stand bringen.«
»Ja, darum handelt es sich wohl, Mister Singer. Und das wird gehen, wenn wir es bis zum Lunch schaffen. Dann bin ich wieder verabredet.«
»Wunderbar, dass es geht«, versicherte ich. »Also bis gleich.«
Meine Stimmung verflog, als ich Miss Rosebuds Zimmer betrat. Auch Jonathan Brown hatte sich eingefunden. Das war schon genug in punkto Stimmung und Humor, und seine Haltung tat ein übriges. Er stand vornübergebeugt vor dem Fenster, schlaff wie ein alter Bogen ohne Sehne. In der Hand hielt er ein Glas mit Goldrand. Ich tippte auf Sodawasser mit einem Spritzer Whisky darin. Vielleicht war die Verteilung auch anders herum. Ich warf einen raschen Blick in sein Gesicht. Die Augen lagen klein und rot über den Tränensäcken. Wangen, Mund und Unterkiefer hingen herab. Ich war froh, dass der Schlips darunter dieses ganze Elend noch zusammenhielt.
Wir tauschten zu dritt einige Höflichkeitsfloskeln aus.
»Nehmen Sie doch Platz, Herr Singer«, lächelte Miss Rosebud mich an. Sie wechselte die Anrede ohne erkennbaren Grund.
Ich stellte meinen Cassettenrekorder auf den Tisch, neben das Glas, das dort für mich bereitstand.
»Whisky?«, fragte sie.
»Lieber einen Gin-Fizz ohne Gin«, sagte ich. »Was trinken Sie?«
Sie ging zur Zimmerbar und kam mit Grapefruitsaft zurück. Ich hatte Zeit, mich zusammenzunehmen. Rolf wartete im Büro, okay, und Miss Rosebud hatte auch einen Termin. Ich würde ihr irgendwelche verdammten Fragen stellen, ein bisschen an ihrem Lächeln saugen wie die Wespe am Marmeladenglas und ein bisschen ihre unwahrscheinlichen Zähne bewundern. Das war‘s, und wenn ich noch was anderes wollte als dieses Interview, dann sollte Seiler mir das Gehalt kürzen. Ich würde selber darauf bestehen.
Ich schaltete den Recorder ein.
Miss Rosebud sagte mit einem Augenaufschlag: »Kennen Sie die größte Blume der Welt, Herr Singer?«
Es gibt eine alte Regel in unserem Geschäft. Lass dich nie mit einer Frage ins Hintertreffen bringen. Jetzt hatte die kleine Frau mir schon zu Anfang eine Frage voraus. Ich wandte mich an Jonathan Brown. »Wissen Sie es?«
Er schaute mich an wie das Opfer eines Predigers gegen die Sünde. »Nein, wieso?«
Miss Rosebud tat mir leid. »Die größte Blume der Welt«, sagte ich bewundernd. »Ehrlich gestanden, bisher habe ich nicht mal die Existenz eines solchen Rekordes in Betracht gezogen.«
Miss Rosebud hielt ihr Lächeln. »Rafflesia«, sagte sie. »Ihre Blüten messen einen Meter im Durchmesser.« Sie deutete das ganze Ausmaß mit einer Armbewegung über den Tisch an.
»Ein nettes Mitbringsel zum Tee«, sagte ich. »Beim nächsten Besuch werd ich dran denken.«
»Es gibt sie nur auf Borneo«, lächelte Miss Rosebud.
»Schade«, sagte ich, »dass sie nicht aus Liberia stammt.«
»Das ist doch ganz gleichgültig«, sagte Miss Rosebud. »Es gibt nur die eine ungeteilte Welt. Wir gehören alle dazu und alles in ihr gehört zu uns.«
»Bis auf dieses Hotel. Die Welt hier drinnen dreht sich nur um sich selber.«
»Das stimmt leider.« Miss Rosebud seufzte. »Ich wollte Ihnen zeigen, dass wir nicht nur von Bäumen reden. Rafflesia lebt parasitisch, ohne eigene Wurzeln und Blätter. Sie ist auf eine ganz bestimmte Pflanze angewiesen, einen wilden Wein der Gattung Tetrastigma. Wenn nun der Wald abgeholzt wird, kann der Wein sich nicht mehr aufranken. Und mit dem wilden Wein verliert Rafflesia ihre einzige Lebensgrundlage.«
»Ein Öko-Kreislauf«, sagte ich. Okay, ich war nicht sonderlich geistreich. »Rafflesia – die größte Blume der Welt. Werde ich mir merken.«
»Schreiben Sie‘s lieber«, sagte Miss Rosebud. »Das ist doch Ihr Beruf.«
Ich war ihr dankbar für die Erinnerung. »Kommen wir auf dieses Hotel zurück«, sagte ich. »Gibt es unter den betroffenen Importeuren eigentlich auch verdeckten Widerstand, Miss Rosebud? Dinge, die man nicht öffentlich beim Namen nennt?«
Sie schaute mich mit großen Augen an. Ich las eine Bitte in ihrem Blick. Ich hätte das gern als privat aufgefasst, aber ich hatte keine sonderliche Übung darin. Bei dieser Frau hätte ich es gern probiert, und das Tragische war, dass sie entweder tot oder auf dem Flug nach Hause sein würde, bevor ich meinen Job zu Ende gebracht hatte.
»Okay, sehen wir‘s mal anders rum«, sagte ich, da sie weiter schwieg. »Die Verwirklichung Ihrer Pläne würde doch zwangsläufig zu einem Geschäftsrückgang bei den Holzimporten aus Westafrika führen.«
»Das ist richtig«, gab Miss Rosebud zu. »Und wir diskutieren darüber mit den Importeuren auf dem Kongress. Aber persönlich hat mich keiner der Teilnehmer angegriffen.«
»Nun«, wunderte ich mich, »das ist ungewöhnlich, wenn enorme finanzielle Interessen auf dem Spiel stehen. Reiche Leute haben auch stets das größte Schandmaul.«
Ich wandte mich an ihren Mitarbeiter. »Können Sie etwas dazu sagen, Mister Brown?«
Jonathan Brown stellte sein leeres Glas ab und verschaffte sich mit zwei Fingern zwischen Hals und Hemdkragen Luft. »Das gute Klima ist der Diskussionsleitung des Geschäftsführers zu verdanken. Wider Erwarten, nicht wahr?« Er schaute zur Seite.
Miss Rosebud winkte ab. »Ich kann nur sagen, dass Herr Golfriller ganz außergewöhnlich entgegenkommend ist.«
»Eine letzte Frage«, meinte ich leichthin. »Sind die Unglücksfälle, die Ihre Delegation betroffen haben, eventuell der Grund für eine besondere Rücksicht?«
Miss Rosebud schien meine Frage taktlos zu finden. Doch sie verbarg ihre Gefühle hinter einer Floskel. »Es könnte sein, Mister Singer. Wir reden wenig darüber.«
Sie erhob sich von ihrem Sofa, die Seide ihres Kleides raschelte leicht, jedenfalls bildete ich mir ein, es zu hören. Es war ein knöchellanges, kobaltblaues Kleid, dessen Faltenwurf von einem gleichfarbigen Gürtel in Form gehalten wurde.
»Ich möchte mich noch frischmachen«, sagte sie.
Jonathan Brown und ich standen gleichzeitig auf. Miss Rosebud begleitete uns zur Tür. Als Brown die Klinke drückte, sagte sie: »Ach, Herr Singer, einen Moment noch, wenn Sie so freundlich sein wollen.«
Ich wollte so freundlich sein. Ich machte einen Schritt zur Seite, während Brown sich erstaunt nach seiner Chefin umdrehte. Er stand da, zwischen Tür und Angel, seine Mundpartie hob sich, um dann wieder in resignative Tiefen zu sinken.
»Wir sehen uns später«, sagte er und machte die Tür von außen zu.
Miss Rosebud ging mit kleinen erregten Schritten zum Fenster und schaute hinaus. Ich hätte keinesfalls darauf gesetzt, dass sie wirklich etwas vom Hafen draußen sah. Mein Platz an der Tür war so gut wie jeder andere. Ich blieb stehen und wartete ab, wie sich die Dinge entwickeln würden.
»Sie finden mein Verhalten merkwürdig, nicht wahr?«, sagte Miss Rosebud, immer noch mit Blick nach draußen.
»Sollte ich es merkwürdig finden?«
»Ich könnte es Ihnen nicht verdenken«, sagte sie. Eine Pause entstand.
Langsam wandte sie den Kopf in meine Richtung, dann folgte der Oberkörper, und dann drehte sie sich auf ihren Slingpumps. »Ich habe wirklich einen Termin. Ich muss jetzt sofort gehen!«
»Daran zweifle ich nicht«, sagte ich.
Sie machte ein paar Schritte vom Fenster weg und stoppte hinter dem Sofa. »Ich habe Angst«, sagte sie. Ihre Finger glitten durch das schwarze, fast glatte Haar und über die Spange hinten im Nacken. »Diese Tode sind so ungreifbar. Verstehen Sie, meine Kollegen sind nicht da, sie sind tot, und ich werde sie noch identifizieren müssen, hat man mir gesagt, falls es nicht Mister Brown tut, ich weiß nicht, ob er die Kraft dazu hat.« Sie schaute mich mit gesenktem Kopf an. »Das habe ich natürlich begriffen«, sagte sie, »aber ich kann es mir nicht vorstellen. Verstehen Sie, warum? Warum musste Dr. Paddy in den Hafen gehen? Und warum musste Professor Wigmee in diesen ... diesen ...«
»Puff«, sagte ich. »Er ist in den Puff gegangen.«
Sie schwieg und sah an mir vorbei. Dann traf mich ihr Blick, es war ein schwarzer Spiegel, so paradox, dass es kaum von der Situation zu unterscheiden war.
»Warum mussten Sie dieses Wort aussprechen? Ganz ungerührt?« Sie kam hinter dem Sofa hervor. »Ich muss mich beeilen, Mister Singer, wirklich. Es tut mir leid, dass ich Sie mit diesen Dingen belästigt habe.«
»Das Schlimmste an der Angst«, sagte ich, »ist die Ungewissheit. Aber das Allerschlimmste ist es, die Umstände zu kennen und sie nicht beim Namen zu nennen. Dann fängt die Welt an sich aufzulösen, und wo wollen Sie noch hin mit Ihrer Angst. Sie werden sie nie mehr los. Wenn man eine kleine Sache unterschlägt, kann man nie sicher sein, wieviel man sich tatsächlich vormacht und wieviel dran ist.«
»Ich habe ja niemanden, mit dem ich darüber reden kann«, sagte sie. »Mein Kollege ist keine große Hilfe, Sie werden es bemerkt haben, Herr Singer. Er ist ein sehr emotionaler Mensch, und er hat schon seine eigenen Probleme, mit denen er nicht fertig wird. Mister Brown hat große Verdienste in unserm Land, verstehn Sie das nicht falsch, aber ...«
Sie brach ab, und ich führte ihren Satz auch nicht fort, okay, ich wollte sie nicht zwingen, alle Dinge beim Namen zu nennen, wenn sie es aus irgendwelchen tieferen Gründen nicht konnte. Ich war nicht dafür auf dieser Welt, um für sie zu sorgen.
»Sie haben doch Unterstützung von außen. Unterstützer für Ihre Sache. Leute, die nicht unbedingt auf diesen Kongress dürfen. Gut, dieses Hotel ist ja kein Gefängnis, jedenfalls nicht von der Art, dass Sie gar nicht mehr durch die Tür dürfen. Sie können sich jederzeit außerhalb treffen, in angenehmem Rahmen, wo immer es Ihnen zusagt, vermute ich.«
»Ja, stimmt, ich treffe auch andere Leute, Herrn – Kohl zum Beispiel.« Sie schaute mich verwirrt an.
Ich kannte keinen Herrn Kohl, falls sie nicht in der Eile gerade an den Herrn Kohl gedacht hatte – ich kannte einen Timus Wallraven. Wenn sie es mir nicht sagen wollte, hatte ich im Augenblick keinen Grund, sie darauf festzunageln.
»Ich treffe mich mit vielen Leuten«, setzte sie neu an. »Aber ich bin an einem Punkt, an dem ich zu niemandem mehr Vertrauen habe, auch nicht zu diesen Leuten. Was weiß ich denn Näheres über die wirklichen Verhältnisse rund um diesen Kongress hier in Hamburg? Gar nichts, verstehen Sie. Ich komme aus einem sehr warmen Land in ein sehr kaltes Land, und ich ziehe mir einen sehr dicken Mantel an, wenn ich vor die Hoteltür gehe. Einen Mantel, der mich zu Hause vor lauter Dicke umbringen würde.«
Sie lachte ein wenig, und ich grinste mit.
»Vermutlich besteht gar kein Anlass für meine Angst«, sagte sie und warf einen raschen Blick auf ihre Uhr. »Ich muss jetzt gehen, wahrhaftig! Sehen Sie, ein bisschen Reden hilft schon. Ich brauche einen Menschen zum Reden. Kommen Sie zum Tee zu mir, bitte! Heute Nachmittag, wenn Sie können, und wir haben mehr Zeit. Mister Brown wird nicht da sein, dafür sorge ich. Bitte, es würde mich schon jetzt beruhigen.«
»Ja«, sagte ich, »natürlich komme ich. Ich rede gern beim Tee weiter, Miss Rosebud, das einzige, was mir leid tut, ich werde diese große Blume aus Borneo wohl nicht bis zum Nachmittag beschaffen können.«
»Ich werde nicht enttäuscht sein«, versprach sie und warf den Kopf in den Nacken. Sie flirtete ganz offen mit mir, und was das Beste war, sie hatte Humor. Für eine Frau, die gerade noch große Angst gehabt hatte, zeigte sie sogar verdammt viel Humor.
»Als ich in Göttingen studierte«, sagte sie, »habe ich für meine Freunde in der Mensa immer Negerküsse gekauft. Ob es so etwas in diesem Hotel gibt? Mögen Sie Negerküsse, Mister Singer?«

Der Hafen hat seine
eigenen Gesetze

 

Eine kleine
Leseprobe zur
Einstimmung

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REIMER BOY EILERS

Ebenholz und
schwarze Tränen

Yakub Singer ermittelt


Es geht um Geld und Marktmacht, um die Ausbeutung des Tropenwaldes – und manchmal prickelts auch erotisch ...


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