In the Summer Time

Lennard zeigte über das Lenkrad hinweg nach links: »Das ist der Kleiderbügel«, erklärte er seinen Enkelkindern auf der Rückbank, »die Brücke nach Fehmarn. Da fahren wir gleich rüber und sind auf der Insel und auch bald am Strand.«
»Das finde ich ulkig«, lachte Maike. »Sieht ja auch so aus wie ein Kleiderbügel. Dann haben wir zu Hause ja lauter Brücken im Schrank.«
»Da muss man mit dem Schiff hinfahren, sonst ist das gar keine richtige Insel«, mokierte sich Heiko.
»Das ist wohl eine Insel. Eine Insel, Insel, Insel«, beharrte die zehnjährige Maike. »Weil rundum Wasser ist. Stimmt’s, Opa?«
»Ja, so ist das. Früher konnte man auch nur mit dem Schiff dorthin. Eine Fähre gibt es auch noch. Drüben, auf der anderen Seite der Insel. Die geht nach Dänemark. Da passen so viele Autos und sogar ein ganzer Zug drauf, dass sie einfach eine große Brücke brauchten, weil die kleine Fähre es doch gar nicht schaffte, so viele Autos auf die Insel zu bringen.«
»Warst du da schon mal?«, fragte Heiko. »Hier auf der Insel am Strand?«
»Oh ja!« sagte Lennard. »Aber das ist schon ganz lange her. Da war dein Papa noch nicht einmal auf der Welt, und die Mutti noch lange nicht.«
»War Oma auch hier?«
»Ja, die war auch dabei. Wir waren da schon ein paar Jahre verheiratet. Aber wir waren noch keine richtige Familie, und wenn irgendwo was los war, dann waren wir dabei.«
Sie fuhren über die Vogelflug-Brücke, sahen nach rechts und links, aber es war kein Schiff in Sicht, das drunter hindurch wollte. Lennard verließ die breite Straße nach Puttgarden, um über Petersdorf zum Flügger Strand zu fahren. Rechts und links der schmalen Straße breiteten sich Felder aus, gesäumt von den üblichen Knicks. Hin und wieder standen schwarz-bunte Kühe auf den Wiesen oder es lag ein Gehöft im Hintergrund. Das machte Heiko neugierig.
»Was war hier denn los?«, fragte er.
»Damals«, holte Lennard aus, »damals, als wir hier waren, da liefen hier überall junge Leute herum. Autos fuhren da auch – voll mit Jungs und Mädchen. Sie waren bepackt mit Zelten und Schlafsäcken. Alle wollten zum Strand, dahin, wo wir auch hin wollen.«
»Ich freu mich schon aufs Baden«, sagte Maike.
»Sind die jetzt alle schon da?«, fragte Heiko.
»Damals«, begann Lennard wieder, »damals war hier ein großes Musikfest ...«
»Ich finde die Trommeln am besten«, fiel Heiko ihm ins Wort.
»Und ich die Frau, die das Lied von den Schmetterlingen gesungen hat«, ergänzte Maike. »Alle waren eigentlich gut. Nur die mit den Geigen nicht. Das hat immer so gequietscht.«
Kinder, dachte Lennard, die haben ja keine Ahnung. Aber er konnte es nicht hinnehmen, dass womöglich bei der Jugend der Eindruck hängen blieb, dass die Großeltern einmal zu einem Volksmusik-Gaudi nach Fehmarn gepilgert waren.
»Love and Peace Festival hieß es. Das war 1970. Und es war das letzte Konzert von Jimi Hendrix. Canned Heat waren dabei und die Faces mit Rod Stewart und Ginger Bakers Airforce und Inga Rumpf und natürlich Mungo Jerry.« Ganz schnell hatte Lennard das hervorgesprudelt. Es waren die Namen von Bands und ihren Stars, die ihm immer mehr in den Sinn kamen, je näher sie Fehmarn kamen. Es musste raus, auch wenn es den Kindern nichts sagte. »In the summer time«, sang er, »when the weather is high...« Ja, das waren Zeiten! »Da da da-da-da, dee da-da-da dee...« Die Kinder fingen sogar an, mitzusingen.
»Eine riesige Bühne war da«, schwärmte Lennard, »alles voller Menschen, und Zelte hatten sie aufgebaut, und die Luft war voll Musik. Das war Woodstock für Deutschland!«
»Was ist ein Wuddstock?« fragte Heiko.
»Erzähl ich euch später mal«, sagte Lennard. Er hatte jetzt gecheckt, dass die Rückbank zwei Generationen weiter zählte. Ten Years After, erinnert er sich, auf die hatten sie damals vergeblich gewartet. Und jetzt waren es vierzig Jahre danach – mehr noch. »Gleich sind wir da!«
Lennard hatte sich das Ziel auf dem Navi eingestellt. Damals konnte er sich am Strom der Rock-Pilger orientieren. Es war nicht zu verfehlen. Jetzt hatte er auf jedem Weg das Gefühl, auf der falschen Spur zu sein. Doch im Vertrauen auf das Navi-Display und der freundlichen Ansage »Sie haben Ihr Ziel erreicht!«, befand Lennard: »Wir sind schon da!«
»Das ist Sommerteim?«, fragte Heiko skeptisch, aber Maike trällerte die Bedenken mit »Da da da-da-da, dee da-da-da dee« beiseite und Lennard ließ die Scheiben herunter, sodass der Geruch und das Rauschen des Meeres hereinströmten und kein Zweifel mehr bestand: Hinter der Kante, auf der das Grass dürr und gelb war, lag der Strand. Noch ein paar Meter, dann stoppte er den Wagen: »Raus mit euch!«
Jetzt breitete sich das Meer vor ihnen aus, rollte unablässig mit weißen Schaumkronen auf den Strand.
»Ich muss mal Pipi!« rief Heiko.
»Geh da hinten in die Büsche«, schlug Lennard vor. Er legte stets großen Wert darauf, dass die Kleinen solche Dinge so früh wie möglich selbständig erledigten.
»Ich mach im Wasser«, sagte Maike zu sich, und dann lauter: »Hol mal die Sachen aus dem Auto, Opa!«
»Geht los, gnädige Frau«, grinste Lennard.
Ihm gefiel dieser kecke Befehlston seiner Enkeltochter. Sind Helgas Gene wohl über Steffi zu Maike weitergereist, dachte er bei sich. Helga und Steffi wollten sich mal einen kinderfreien Mutter-Tochter-Tag gönnen. Passte gerade gut, weil Jan ein paar Tage auf Geschäftsreise war. »Die Kinder wollen auch mal einen Opa-Tag haben«, hatte Helga ihm beigebracht. Und sie hatte es als »mal wieder typisch eine Nummer zu groß« empfunden, dass er mit ihnen bis nach Fehmarn wollte. »Zweimal zwei Stunden im Auto, – eine Strafe für die Kinder«, hatte sie gesagt. »Im ganzen kaum mehr als eine«, hatte er ihr erklärt. »Auf dem Hinweg schlafen sie nach einer halben Stunde vor Langeweile und auf dem Rückweg, weil der Tag sie geschafft hat. Das ist doch Erfahrungssache, oder?« Helga hatte noch einen Augenblick mit dem Kopf gewackelt und dann noch gefragt: »Warum sind wir eigentlich nie mehr nach Fehmarn gefahren?« Und er hatte die Schultern hochgezogen und keinen Grund gewusst. »Weil du sauer warst«, hatte Helga dann gemeint, »weil ich den Ring verloren hatte. Einen Tag nach meinem Geburtstag, war das gute Stück weg. Das hätte Fehmarn nicht passieren dürfen!« Doch nicht deshalb! Aber ärgerlich war es schon. War nicht billig, das gute Stück. Und das Wetter war so mies, wie es nur sein konnte. Aber Schwamm drüber nach all den Jahren. Zweite Chance für Fehmarn – und das Wetter? Einfach super für einen Opa-Tag mit den Enkelkindern. »Na, gut«, hatte Helga zugestimmt und Steffi hatte ihn ermahnt, dass er die beiden ordentlich einkremen sollte, weil die Sonne an der See besonders stark ist.
»Was ist nun, Opa?« fragte Maike, und Lennard räumte Eimer, Schaufel, Ball und Decken aus dem Wagen.
Heiko kam zurück. »Alles klar?«, fragte Lennard.
»Hab den Stein angepinkelt!«, verkündete er. »Da steht ein Riesenstein! Mit Musik drauf.«
Lennard wurde neugierig. »Zeig mal!« Jetzt sah er ihn. »Mann! Drei Meter hoch und ich guck dran vorbei, um den Strand zu suchen. Komm!«
Auch Maike kam mit. »Das ist eine Gitarre«, sagte sie stolz und zeigte auf das in den Granitblock gemeisselte Bild.
»Die Woodstock-Gitarre.« Es war Andacht, wie Lennard das sagte, und ebenso ehrfürchtig las er die Buchstaben: »Jimi Hendrix – Fehmarn - Love and Peace Festival – vierter bis sechster September 1970. Das war es ...«
»Ist das hier ein Friedhof?« fragte Maike.
»Nee, Maike, ganz bestimmt nicht«, winkte Lennard ab, »aber hier hat er zum letzten Mal Musik gemacht. Jimi Hendrix. Und wir waren dabei.«
»Du und Oma?«
»Ja, wir beide.«
»Und für euch hat er Musik gemacht, der Jimmy!« Maike fragte es nicht, sie stellte es befriedigt fest und streichelte den mächtigen Stein mit ihrer kleinen Mädchenhand.«
»Ja, für uns«, sagte Lennard und tätschelte den Stein wie einen guten Kumpel.
»Da hab ich hingepinkelt«, sagte Heiko, zeigte auf die nasse Stelle und beteiligte sich wiedergutmachend an den Streicheleinheiten.
Nachdem sich alle einmal den Wellen entgegen geworfen hatten und trockengerubbelt und eingekremt im Sand lagen, stieg neuer Tatendrang in ihnen auf. Gräben ziehen, Burgen bauen! Lennard hatte nur zwei Schaufeln mitgenommen. Um Streit zu vermeiden, musste er zuschauen.
Dem Ort hafteten die Erinnerungen an. Er sah zwar, wie Maike und Heiko den Strand umschaufelten und eine Wasserburg entstand, aber vor seinem inneren Auge lief das Festival von 1970 ab. Im monotonen Rollen der See waberten die Rocksongs der Unvergessenen.

»Der September ist wettermäßig so stabil wie der ganze Sommer nicht«, hatte man ihnen in einem Krämerladen erzählt. »So wie in diesem Jahr war es noch nie.«
Es regnete. Erst nieselnd, dann heftiger. Zwischendurch mal hoffnungsvolle Sonnenabschnitte, aber am Horizont wurde es schon wieder dunkel. Wind kam auf. Es wurde kälter.
Aber auf der Bühne standen die Musiker, klampften in die Saiten, droschen auf Becken und Trommeln, ließen Keyboards heulen, sangen gegen den Regen. »Es wird schon wieder aufhören«, munterte Helga Lennard auf. Er hatte ihr die Freude machen wollen, auf dem German-Woodstock, der Mutter aller künftigen Open Air Festivals in Deutschland, in ihren Geburtstag hinein zu feiern. Sie waren am Samstag bei Freunden mitgefahren und schon mittags auf der Wiese vor der Bühne. Vier unter einer Plastikplane.
Um halbzehn am Abend erklärten die Freunde, dass sie vom Regen die Schnauze voll haben und sich das nicht antun müssen, und ob sie mit zurück nach Hause wollen. Und Helga wiederholte: »Es wird schon wieder aufhören.«
Sie holten die Schlafsäcke, ihre Tasche und noch zwei blaue Müllsäcke aus dem Wagen und wünschten den Freunden eine gute Heimfahrt.
Sie warteten auf Jimi Hendrix. Ab und zu rauschte die Ansage aus den Boxen, dass sich der Auftritt verzögert, dass er aber bereits auf Fehmarn sei. Dann spielten Mungo Jerry »In the summer time«, während es sogar zu regnen aufhörte. Morgen soll es noch schöner werden, verkündete die Lautsprecherstimme, und dann werde er auftreten, the one and only Jimi Hendrix. Morgen, bei Sonnenschein. In the summer time – Mungo Jerry spielte das Stück noch einmal ...
Dann nahm der Wind zu, er wurde zum Sturm. Der Regen schien horizontal vom Himmel zu schauern.
»Egal«, sagte Lennard und wackelte am Draht der Krim-Sekt-Flasche. Als der Korken ploppte und in die schwarzen Wolken schoss, blitzte es, der Donner folgte unmittelbar. Helga klammerte sich an ihn.
»Herzlichen Glückwunsch!« rief Lennard, küsste Helgas nasse Lippen und sah beim zweiten Blitz, dass sie lächelte. »Das hätten sie auf dem Traumschiff mit Eisbombe und Wunderkerzen nie und nimmer so schön hingekriegt«, sagte sie. Dafür liebte Lennard seine Frau. Er fingerte aus der Innentasche seiner Jacke die kleine Schachtel hervor und öffnete sie. Ein goldener Ring mit einem hübschen Stein, – so hatte sie es sich gewünscht, und so erfüllte er ihren Wunsch. Nachts um zwölf bei Wind und Wetter auf dem Love an Peace Festival auf Fehmarn.
Er steckte ihr den Ring auf den Finger. Und der Regen nahm zu, und der Sturm wurde stärker.
Ein paar Freaks liefen mit Holzplatten herum, hielten sie mühsam im Wind, um sie dann als Schutzschild über ihre nassen Schlafsäcke zu decken. »Noch sind welche da!« rief einer. »Du musst dich beeilen!«
Lennard machte sich auf den Weg. Helga blieb am Platz, eingewickelt in der Plastikplane, damit der Wind sie nicht davonriss. Als er zurückkam, ächste er unter der Windlast einer Holzplatte, ein Mann mit nacktem Oberkörper half beim Tragen und fragte mit kicksender Stimme: »Braucht ihr Präser? Hat Beate Uhse heute verteilt! Damit uns warm wird – hahaha!« Er warf Helga zwei oder drei Schachteln zu, doch sie wurden vom Sturm ergriffen.
»Das gibt uns etwas Windschutz«, meinte Lennard, als er sich mühte, die Platte im Erdboden zu fixieren und im übrigen mit dem Rücken abzustützen. »Das ist ‘ne Klotür«, erzählte er Helga. »Die meisten Toiletten liegen flach. Es ist ein Chaos.«
»Hier ist noch Sekt«, sagte Helga. »Es ist schließlich mein Geburtstag.«
Irgendwie gelang es ihnen, aus den Schlafsäcken ein gemeinsames Bett zu machen. »Wenn nur das Dach nicht so tief wäre«, meinte Lennard. Aber Raum ist in der kleinsten Hütte. Und so wurde es trotz allem, was ringsum geschah, trotz kalter Schauer und Sturmböen, eine Geburtstags-Liebesnacht, wie sie so nie wieder sein würde.
Es war windstill und neblig, als sie erwachten. Es war die Stimme, die aus Richtung der Bühne in ungewohnt sanftem Ton durch den Dunst drang: »Hier spricht das Rote Kreuz. Wir haben warmen Tee.«
»Darf ich dich auf einen Tee einladen?« fragte Lennard.
»Ich will nur eben schnell die Betten machen«, antwortete Helga, als sei alles so, wie es sein sollte.
Während sie den heißen Tee schlürften und dazu ein trockenes Brötchen kauten, kam die Sonne durch, verzog sich der Nebel, blaute der Himmel auf. Es war unglaublich!
Am Ende der Wiese parkte ein Lieferwagen und hatte alle Türen geöffnet, um blaugefärbte hartgekochte Eier zu verkaufen. Von der Bühne kam die Durchsage, dass Jimi Hendrix auf dem Weg ist, sein Auftritt in einer halben Stunde...
Und wirklich. Eine Stunde später stand er auf der Bühne, ließ seine Gitarre aufheulen und schmettern, er feuerte Amerikas Hymne über den Platz. Hey Joe, fragte er, wo willst du mit dem Colt hin. Als zuckender Paradiesvogel schrubbte er das Voodoo Child von der Gitarre. Vor der Bühne taumelten die Fans in Trance. So wie er selbst – der das Innerste nach außen kehrte.
»Lasst uns gehen«, sagte Helga, als Jimi sich verabschiedet hatte, »besser wird’s nicht mehr.« Außerdem musste sie zum Klo. Zwei waren noch stehen geblieben. Und während Helga sich der langen Schlange vor den Türen anschloss, reihte Lennard sich vor der dampfenden Gulaschkanone ein.
»Die Speisung der Überlebenden«, meinte Lennard, als er Helga einen Teller anbot. Bis auf den Eiermann waren alle Imbissbuden im Sturm zerstört. Die Notverpflegung hätte auf keiner Speisekarte eine Chance gehabt, Wasser war das Mittel, die erforderlichen Portionen zu schaffen: Kartoffelmus, das einer Suppe glich, wie das Gulasch eher eine fleischhaltige Brühe war. Aber es füllte den Magen.
»Wollt ihr mit nach Puttgarden?« fragte ein Pärchen. »Wir fahren jetzt.«
»Wir kommen mit!« sagte Helga. »Von da können wir den Zug nehmen.« Die Tasche hatten sie bei sich. Die Schlafsäcke hatten sie aufgegeben. Sie würden sie im Chaos nicht wiederfinden, und wenn – es wären nasse Lappen, unmöglich, sie zu transportieren.
Der nächste Zug fuhr erst in anderthalb Stunden. Sie schauten sich den Fährbetrieb an.
»Schnell, schnell! Wir legen ab! Springen Sie!«, rief der Mann auf dem Fährschiff.
Und sie sprangen. Genau genommen, war es nur ein großer Schritt. Aber als sie auf dem Schiff waren, war der Abstand zum Zurückspringen schon zu groß. Diese Kluft zwischen Bordwand und Kai war der Maßstab, wenn Lennard von ihrem »wagemutigen Sprung nach Dänemark« erzählte. Als sie gar nicht vorhatten, hinüberzufahren. Nur die Aufforderung des Fährmatrosen hatte den spontanen Sprung ausgelöst. »Das kann doch eigentlich nicht wahr sein, dass so ein Matrose die Leute an Bord lockt, wenn das Schiff schon auf See ist!«, ereiferte er sich noch jahrelang, während der Abstand zwischen Kai und Schiff immer größer wurde, der Sprung immer tollkühner. Und was noch unglaublicher war: So kamen sie ohne Ticket und Grenzkontrolle nach Dänemark. 1970 war ein Jahr, in dem alles möglich schien, schließlich war sogar Jimi Hendrix nach Fehmarn gekommen. Zu einer Zeit, in der dort sonst stabiles Sommerwetter ist, nur diesmal nicht, auch wenn Mungo Jerry »In the Summer time« sang – damals ganz neu!
Smörrebröd und Heringshäppchen aßen sie an Bord. Eine Wohltat für den Gaumen nach dem Gulaschkanonenfraß – jetzt durfte er es so nennen ...
»Mein Ring!«, sagte Helga dann plötzlich. Mit blassem Gesicht sah sie auf ihre Finger. Der Ehering war noch da, nicht aber der Geburtstagsring mit dem wunderschönen Stein. Helga rannen die Tränen aus den Augen.
In Rödby, wo sie mit der Kleinbahn vom Fährhafen aus hinfuhren, gab es ein Geschäft, das die Touristen auch am Sonntag bediente. Dort kaufte Lennard seiner Helga einen neuen Ring. Silber in nordischem Design – und mit all den Erinnerungen an diesen Festival-Wochenende 1970 am Flügger Strand auf Fehmarn.
Da wo Lennard jetzt in die Sonne träumte, den Enkelkindern beim Sandburgenbauen zuschaute.

Er sah zur Uhr. Mittagszeit. Er schickte sich an, Kartoffelsalat und Frikadellen, Saft, Becher und Teller aus dem Wagen zu holen, als Maike aufgeregt durch den Sand stapfte.
»Opa! Opa! Guck mal, was ich gefunden habe!«
In ihren kleinen Händen hielt sie etwas Glitzerndes.
»Ein Schatz!« rief Maike. »Hier ist ein Schatz vergraben!« Und sie hielt Lennard das Glitzerding entgegen: ein silberner Ring mit blauem Stein, – ein Zirkon, der in der Sonne funkelte.
»Das ist ja ...«, Lennard stockte der Atem. »Das ist der Ring, den Helga hier verloren hat! Damals bei Jimi Hendrix.«
»Oma?« fragte Maike.
»Ja«, nickte Lennard, »Omas Ring! Der, den ich ihr damals zum Geburtstag geschenkt habe. Und dann war er weg!«
»War Oma sehr traurig?«
»Ja. Sie hat geweint. Weil es doch ein so schönes Geburtstags-geschenk von mir war. Ich war auch traurig.«
»Jetzt kriegt sie ihn wieder!«, sagte Maike. »Weil ich ihn gefunden habe. Extra für Oma.«
»Na, die wird überrascht sein. Riesig wird sie sich freuen!«
Maike wuchs ein paar Zentimeter, rieb den Ring an ihrem T-Shirt ab und pustete die letzten Sandkörnchen herunter. »Er ist wirklich schön. Guck mal, Opa, wie das glitzert. Wie die Sonne am Himmel.«
Als sie auf der ausgebreiteten Decke saßen und Frikadellen mit Kartoffelsalat aßen, lag der Ring genau in der Mitte. »Da könnt ihr mal sehen«, philosophierte Lennard, »auf der Erde geht nichts verloren. Aber es ist ein Wunder, es wiederzufinden. Toll, Maike!«
»Da wird sich Oma aber freuen!« freute sich Maike.
»Ich bring ihr eine Muschel mit«, sagte Heiko, »und eine für Mutti.«

Lennard hatte den Ring mit einem Band an den Rückspiegel gebunden, damit er auf keinen Fall erneut verloren ginge. Auf der Rückfahrt auf der Autobahn schwang er sanft hin und her und in seinem Stein bündelten sich die Strahlen der Abendsonne, während die Kinder auf dem Rücksitz schon eingeschlafen waren.
Lennard war zufrieden mit dem Tag. Glücklich sogar, weil sie den Ring wiedergefunden hatten. Und je länger er vor ihm hin und her schwang, um so schärfer wurde auch seine Erinnerung.
Er war golden, der Ring, den er Helga geschenkt hatte! Und der Stein war rot, ein Rubin!
Und hier baumelte ein Silberring mit blauem Zirkon.
Es war schon dunkel, damals, als er Helga den Ring überreichte. Trotzdem wird sie gesehen haben, dass er aus Gold war und ein liebesroter Rubin daran glühte. Sie wird es nicht vergessen haben, auch wenn sie ihn nur ein paar Sekunden lang gesehen hat. Frauen vergessen so etwas nicht, Helga schon gar nicht.
Wie komme ich aus der Nummer wieder raus?, dachte Lennard. Sollte er etwa Maike behutsam erklären, dass Omas Ring ganz anders ausgesehen hat und dass dieser Ring mit dem blauen Funkelstein wohl irgendeiner Frau beim Volleyballspielen am Strand vom Finger gerutscht ist. Die sich jetzt ärgert, weil der Ring weg ist. Dass Meike eigentlich gar kein Recht hat, ihn zu besitzen, dass sie ihn nur behalten kann, weil sie nicht weiß, wer diese Volleyballerin war.
Er musste Helga ein Zeichen geben. Er hätte sie anrufen müssen. Das war jetzt zu spät, die Kinder würden aufwachen. Maike müsste sich betrogen vorkommen.

»Wir sind da!« Maike und Heiko hatten es fast gleichzeitig gerufen. Es war, als ob die letzten Meter bis zum Haus der Kinder eine Weckfunktion hatten. Putzmunter und völlig ausgeschlafen hüpften die beiden einen Augenblick später aus dem Wagen.
»Gib mir den Ring, Opa!« forderte Maike.
»Moment, Moment!«, bremste Lennard und knotete den Ring vom Rückspiegel. »Wartet noch, wir gehen gemeinsam rein.«
Helga und Steffi hatten die Ankunft bemerkt, öffneten die Haustür. Maike lief den Gartenweg hinauf.
»Oma, Oma! Ich hab’ deinen Ring wiedergefunden!« Stolz reckte sie ihre kleine Hand empor. »Er war im Sand. Ich hab’ ihn ausgebuddelt. Da, wo du ihn verloren hast, wo Opa ihn dir zum Geburtstag geschenkt hat«, sprudelte sie hervor.
Helga war gerührt, drückte Maike, wischte sich eine Träne aus den Augen. Lennard, der im Hintergrund irgendwelche Zeichen machte, bemerkte sie nicht. »Wie lieb von dir Maike, und jetzt schenkst du ihn mir? Weißt du was, ich werde ihn dir schenken, wenn du größer bist. Auch zum Geburtstag.«
Maike strahlte.
»Ich hab nur ‘ne Muschel für dich«, meinte Heiko mit gedämpfter Stimme.
Helga legte den Ring hinein. »Sieh mal, wie schön der Ring in der weißen Muschel aussieht! Als ob sie ein kleines Schatzkästchen ist.«
Auch Heiko strahlte.
»Was ist mit dem Ring?«, fragte Steffi ihre Mutter.
»Hat mir Lennard zum Geburtstag geschenkt. Damals 1970 auf Fehmarn. Und ich habe ihn gleich wieder verloren, – weil es so eine stürmische Nacht war.«
»Aha«, ahnte Steffi, »stürmische Nacht! Hat das vielleicht etwas mit meinem Geburtstag im darauffolgenden Mai zu tun?«
»Worum geht’s?« fragte Lennard, der nun mit Taschen und Zeug beladen an der Haustür angekommen war.
»Um eine stürmische Nacht im September, lieber Papa«, lachte Steffi. »1970.«

Später, als Lennard den Wagen nach Hause steuerte und Helga auf dem Beifahrersitz saß, meinte er, eine Sache klären zu müssen.
»Der Ring, den ich dir damals geschenkt habe«, fing er an, »das war ein ...«
Helga unterbrach ihn, um den Satz zu vollenden: »... das war ein Silberring mit blauem Zirkon. Ein wunderhübscher Stein! Kein Wunder, dass du ihn sofort wiedererkannt hast.«
»Was ich immer an dir bewundert habe«, sagte Lennard, »das ist dein unbestechliches Gedächtnis.«
»Und dieser Jimi Hendrix«, sagte Helga, »der hat die Gitarre mit links gespielt.«
»Ja, und die gekochten Eier waren blau«, erinnerte sich Lennard.
»Und der Sprung auf die Fähre ...«, sagte Helga und sprach absichtlich nicht weiter.
Lennard ergänzte: »Das waren zwei Meter – mindestens, bestimmt noch etwas mehr.«

Lennard zeigte über das Lenkrad hinweg nach links: »Das
 ist der Kleiderbügel«, erklärte er seinen Enkelkindern auf der Rückbank, »die Brücke nach Fehmarn. Da fahren wir gleich rüber und sind auf der Insel und auch bald am Strand.«
»Das finde ich ulkig«, lachte Maike. »Sieht ja auch so aus wie ein Kleiderbügel. Dann haben wir zu Hause ja lauter Brücken im Schrank.«
»Da muss man mit dem Schiff hinfahren, sonst ist das gar keine richtige Insel«, mokierte sich Heiko.
»Das ist wohl eine Insel. Eine Insel, Insel, Insel«, beharrte die zehnjährige Maike. »Weil rundum Wasser ist. Stimmt’s, Opa?«
»Ja, so ist das. Früher konnte man auch nur mit dem Schiff dorthin. Eine Fähre gibt es auch noch. Drüben, auf der anderen Seite der Insel. Die geht nach Dänemark. Da passen so viele Autos und sogar ein ganzer Zug drauf, dass sie einfach eine große Brücke brauchten, weil die kleine Fähre es doch gar nicht schaffte, so viele Autos auf die Insel zu bringen.«
»Warst du da schon mal?«, fragte Heiko. »Hier auf der Insel am Strand?«
»Oh ja!« sagte Lennard. »Aber das ist schon ganz lange her. Da war dein Papa noch nicht einmal auf der Welt, und die Mutti noch lange nicht.«
»War Oma auch hier?«
»Ja, die war auch dabei. Wir waren da schon ein paar Jahre verheiratet. Aber wir waren noch keine richtige Familie, und wenn irgendwo was los war, dann waren wir dabei.«
Sie fuhren über die Vogelflug-Brücke, sahen nach rechts und links, aber es war kein Schiff in Sicht, das drunter hindurch wollte. Lennard verließ die breite Straße nach Puttgarden, um über Petersdorf zum Flügger Strand zu fahren. Rechts und links der schmalen Straße breiteten sich Felder aus, gesäumt von den üblichen Knicks. Hin und wieder standen schwarz-bunte Kühe auf den Wiesen oder es lag ein Gehöft im Hintergrund. Das machte Heiko neugierig.
»Was war hier denn los?«, fragte er.
»Damals«, holte Lennard aus, »damals, als wir hier waren, da liefen hier überall junge Leute herum. Autos fuhren da auch – voll mit Jungs und Mädchen. Sie waren bepackt mit Zelten und Schlafsäcken. Alle wollten zum Strand, dahin, wo wir auch hin wollen.«
»Ich freu mich schon aufs Baden«, sagte Maike.
»Sind die jetzt alle schon da?«, fragte Heiko.
»Damals«, begann Lennard wieder, »damals war hier ein großes Musikfest ...«
»Ich finde die Trommeln am besten«, fiel Heiko ihm ins Wort.
»Und ich die Frau, die das Lied von den Schmetterlingen gesungen hat«, ergänzte Maike. »Alle waren eigentlich gut. Nur die mit den Geigen nicht. Das hat immer so gequietscht.«
Kinder, dachte Lennard, die haben ja keine Ahnung. Aber er konnte es nicht hinnehmen, dass womöglich bei der Jugend der Eindruck hängen blieb, dass die Großeltern einmal zu einem Volksmusik-Gaudi nach Fehmarn gepilgert waren.
»Love and Peace Festival hieß es. Das war 1970. Und es war das letzte Konzert von Jimi Hendrix. Canned Heat waren dabei und die Faces mit Rod Stewart und Ginger Bakers Airforce und Inga Rumpf und natürlich Mungo Jerry.« Ganz schnell hatte Lennard das hervorgesprudelt. Es waren die Namen von Bands und ihren Stars, die ihm immer mehr in den Sinn kamen, je näher sie Fehmarn kamen. Es musste raus, auch wenn es den Kindern nichts sagte. »In the summer time«, sang er, »when the weather is high...« Ja, das waren Zeiten! »Da da da-da-da, dee da-da-da dee...« Die Kinder fingen sogar an, mitzusingen.
»Eine riesige Bühne war da«, schwärmte Lennard, »alles voller Menschen, und Zelte hatten sie aufgebaut, und die Luft war voll Musik. Das war Woodstock für Deutschland!«
»Was ist ein Wuddstock?« fragte Heiko.
»Erzähl ich euch später mal«, sagte Lennard. Er hatte jetzt gecheckt, dass die Rückbank zwei Generationen weiter zählte. Ten Years After, erinnert er sich, auf die hatten sie damals vergeblich gewartet. Und jetzt waren es vierzig Jahre danach – mehr noch. »Gleich sind wir da!«
Lennard hatte sich das Ziel auf dem Navi eingestellt. Damals konnte er sich am Strom der Rock-Pilger orientieren. Es war nicht zu verfehlen. Jetzt hatte er auf jedem Weg das Gefühl, auf der falschen Spur zu sein. Doch im Vertrauen auf das Navi-Display und der freundlichen Ansage »Sie haben Ihr Ziel erreicht!«, befand Lennard: »Wir sind schon da!«
»Das ist Sommerteim?«, fragte Heiko skeptisch, aber Maike trällerte die Bedenken mit »Da da da-da-da, dee da-da-da dee« beiseite und Lennard ließ die Scheiben herunter, sodass der Geruch und das Rauschen des Meeres hereinströmten und kein Zweifel mehr bestand: Hinter der Kante, auf der das Grass dürr und gelb war, lag der Strand. Noch ein paar Meter, dann stoppte er den Wagen: »Raus mit euch!«
Jetzt breitete sich das Meer vor ihnen aus, rollte unablässig mit weißen Schaumkronen auf den Strand.
»Ich muss mal Pipi!« rief Heiko.
»Geh da hinten in die Büsche«, schlug Lennard vor. Er legte stets großen Wert darauf, dass die Kleinen solche Dinge so früh wie möglich selbständig erledigten.
»Ich mach im Wasser«, sagte Maike zu sich, und dann lauter: »Hol mal die Sachen aus dem Auto, Opa!«
»Geht los, gnädige Frau«, grinste Lennard.
Ihm gefiel dieser kecke Befehlston seiner Enkeltochter. Sind Helgas Gene wohl über Steffi zu Maike weitergereist, dachte er bei sich. Helga und Steffi wollten sich mal einen kinderfreien Mutter-Tochter-Tag gönnen. Passte gerade gut, weil Jan ein paar Tage auf Geschäftsreise war. »Die Kinder wollen auch mal einen Opa-Tag haben«, hatte Helga ihm beigebracht. Und sie hatte es als »mal wieder typisch eine Nummer zu groß« empfunden, dass er mit ihnen bis nach Fehmarn wollte. »Zweimal zwei Stunden im Auto, – eine Strafe für die Kinder«, hatte sie gesagt. »Im ganzen kaum mehr als eine«, hatte er ihr erklärt. »Auf dem Hinweg schlafen sie nach einer halben Stunde vor Langeweile und auf dem Rückweg, weil der Tag sie geschafft hat. Das ist doch Erfahrungssache, oder?« Helga hatte noch einen Augenblick mit dem Kopf gewackelt und dann noch gefragt: »Warum sind wir eigentlich nie mehr nach Fehmarn gefahren?« Und er hatte die Schultern hochgezogen und keinen Grund gewusst. »Weil du sauer warst«, hatte Helga dann gemeint, »weil ich den Ring verloren hatte. Einen Tag nach meinem Geburtstag, war das gute Stück weg. Das hätte Fehmarn nicht passieren dürfen!« Doch nicht deshalb! Aber ärgerlich war es schon. War nicht billig, das gute Stück. Und das Wetter war so mies, wie es nur sein konnte. Aber Schwamm drüber nach all den Jahren. Zweite Chance für Fehmarn – und das Wetter? Einfach super für einen Opa-Tag mit den Enkelkindern. »Na, gut«, hatte Helga zugestimmt und Steffi hatte ihn ermahnt, dass er die beiden ordentlich einkremen sollte, weil die Sonne an der See besonders stark ist.
»Was ist nun, Opa?« fragte Maike, und Lennard räumte Eimer, Schaufel, Ball und Decken aus dem Wagen.
Heiko kam zurück. »Alles klar?«, fragte Lennard.
»Hab den Stein angepinkelt!«, verkündete er. »Da steht ein Riesenstein! Mit Musik drauf.«
Lennard wurde neugierig. »Zeig mal!« Jetzt sah er ihn. »Mann! Drei Meter hoch und ich guck dran vorbei, um den Strand zu suchen. Komm!«
Auch Maike kam mit. »Das ist eine Gitarre«, sagte sie stolz und zeigte auf das in den Granitblock gemeisselte Bild.
»Die Woodstock-Gitarre.« Es war Andacht, wie Lennard das sagte, und ebenso ehrfürchtig las er die Buchstaben: »Jimi Hendrix – Fehmarn - Love and Peace Festival – vierter bis sechster September 1970. Das war es ...«
»Ist das hier ein Friedhof?« fragte Maike.
»Nee, Maike, ganz bestimmt nicht«, winkte Lennard ab, »aber hier hat er zum letzten Mal Musik gemacht. Jimi Hendrix. Und wir waren dabei.«
»Du und Oma?«
»Ja, wir beide.«
»Und für euch hat er Musik gemacht, der Jimmy!« Maike fragte es nicht, sie stellte es befriedigt fest und streichelte den mächtigen Stein mit ihrer kleinen Mädchenhand.«
»Ja, für uns«, sagte Lennard und tätschelte den Stein wie einen guten Kumpel.
»Da hab ich hingepinkelt«, sagte Heiko, zeigte auf die nasse Stelle und beteiligte sich wiedergutmachend an den Streicheleinheiten.
Nachdem sich alle einmal den Wellen entgegen geworfen hatten und trockengerubbelt und eingekremt im Sand lagen, stieg neuer Tatendrang in ihnen auf. Gräben ziehen, Burgen bauen! Lennard hatte nur zwei Schaufeln mitgenommen. Um Streit zu vermeiden, musste er zuschauen.
Dem Ort hafteten die Erinnerungen an. Er sah zwar, wie Maike und Heiko den Strand umschaufelten und eine Wasserburg entstand, aber vor seinem inneren Auge lief das Festival von 1970 ab. Im monotonen Rollen der See waberten die Rocksongs der Unvergessenen.

»Der September ist wettermäßig so stabil wie der ganze Sommer nicht«, hatte man ihnen in einem Krämerladen erzählt. »So wie in diesem Jahr war es noch nie.«
Es regnete. Erst nieselnd, dann heftiger. Zwischendurch mal hoffnungsvolle Sonnenabschnitte, aber am Horizont wurde es schon wieder dunkel. Wind kam auf. Es wurde kälter.
Aber auf der Bühne standen die Musiker, klampften in die Saiten, droschen auf Becken und Trommeln, ließen Keyboards heulen, sangen gegen den Regen. »Es wird schon wieder aufhören«, munterte Helga Lennard auf. Er hatte ihr die Freude machen wollen, auf dem German-Woodstock, der Mutter aller künftigen Open Air Festivals in Deutschland, in ihren Geburtstag hinein zu feiern. Sie waren am Samstag bei Freunden mitgefahren und schon mittags auf der Wiese vor der Bühne. Vier unter einer Plastikplane.
Um halbzehn am Abend erklärten die Freunde, dass sie vom Regen die Schnauze voll haben und sich das nicht antun müssen, und ob sie mit zurück nach Hause wollen. Und Helga wiederholte: »Es wird schon wieder aufhören.«
Sie holten die Schlafsäcke, ihre Tasche und noch zwei blaue Müllsäcke aus dem Wagen und wünschten den Freunden eine gute Heimfahrt.
Sie warteten auf Jimi Hendrix. Ab und zu rauschte die Ansage aus den Boxen, dass sich der Auftritt verzögert, dass er aber bereits auf Fehmarn sei. Dann spielten Mungo Jerry »In the summer time«, während es sogar zu regnen aufhörte. Morgen soll es noch schöner werden, verkündete die Lautsprecherstimme, und dann werde er auftreten, the one and only Jimi Hendrix. Morgen, bei Sonnenschein. In the summer time – Mungo Jerry spielte das Stück noch einmal ...
Dann nahm der Wind zu, er wurde zum Sturm. Der Regen schien horizontal vom Himmel zu schauern.
»Egal«, sagte Lennard und wackelte am Draht der Krim-Sekt-Flasche. Als der Korken ploppte und in die schwarzen Wolken schoss, blitzte es, der Donner folgte unmittelbar. Helga klammerte sich an ihn.
»Herzlichen Glückwunsch!« rief Lennard, küsste Helgas nasse Lippen und sah beim zweiten Blitz, dass sie lächelte. »Das hätten sie auf dem Traumschiff mit Eisbombe und Wunderkerzen nie und nimmer so schön hingekriegt«, sagte sie. Dafür liebte Lennard seine Frau. Er fingerte aus der Innentasche seiner Jacke die kleine Schachtel hervor und öffnete sie. Ein goldener Ring mit einem hübschen Stein, – so hatte sie es sich gewünscht, und so erfüllte er ihren Wunsch. Nachts um zwölf bei Wind und Wetter auf dem Love an Peace Festival auf Fehmarn.
Er steckte ihr den Ring auf den Finger. Und der Regen nahm zu, und der Sturm wurde stärker.
Ein paar Freaks liefen mit Holzplatten herum, hielten sie mühsam im Wind, um sie dann als Schutzschild über ihre nassen Schlafsäcke zu decken. »Noch sind welche da!« rief einer. »Du musst dich beeilen!«
Lennard machte sich auf den Weg. Helga blieb am Platz, eingewickelt in der Plastikplane, damit der Wind sie nicht davonriss. Als er zurückkam, ächste er unter der Windlast einer Holzplatte, ein Mann mit nacktem Oberkörper half beim Tragen und fragte mit kicksender Stimme: »Braucht ihr Präser? Hat Beate Uhse heute verteilt! Damit uns warm wird – hahaha!« Er warf Helga zwei oder drei Schachteln zu, doch sie wurden vom Sturm ergriffen.
»Das gibt uns etwas Windschutz«, meinte Lennard, als er sich mühte, die Platte im Erdboden zu fixieren und im übrigen mit dem Rücken abzustützen. »Das ist ‘ne Klotür«, erzählte er Helga. »Die meisten Toiletten liegen flach. Es ist ein Chaos.«
»Hier ist noch Sekt«, sagte Helga. »Es ist schließlich mein Geburtstag.«
Irgendwie gelang es ihnen, aus den Schlafsäcken ein gemeinsames Bett zu machen. »Wenn nur das Dach nicht so tief wäre«, meinte Lennard. Aber Raum ist in der kleinsten Hütte. Und so wurde es trotz allem, was ringsum geschah, trotz kalter Schauer und Sturmböen, eine Geburtstags-Liebesnacht, wie sie so nie wieder sein würde.
Es war windstill und neblig, als sie erwachten. Es war die Stimme, die aus Richtung der Bühne in ungewohnt sanftem Ton durch den Dunst drang: »Hier spricht das Rote Kreuz. Wir haben warmen Tee.«
»Darf ich dich auf einen Tee einladen?« fragte Lennard.
»Ich will nur eben schnell die Betten machen«, antwortete Helga, als sei alles so, wie es sein sollte.
Während sie den heißen Tee schlürften und dazu ein trockenes Brötchen kauten, kam die Sonne durch, verzog sich der Nebel, blaute der Himmel auf. Es war unglaublich!
Am Ende der Wiese parkte ein Lieferwagen und hatte alle Türen geöffnet, um blaugefärbte hartgekochte Eier zu verkaufen. Von der Bühne kam die Durchsage, dass Jimi Hendrix auf dem Weg ist, sein Auftritt in einer halben Stunde...
Und wirklich. Eine Stunde später stand er auf der Bühne, ließ seine Gitarre aufheulen und schmettern, er feuerte Amerikas Hymne über den Platz. Hey Joe, fragte er, wo willst du mit dem Colt hin. Als zuckender Paradiesvogel schrubbte er das Voodoo Child von der Gitarre. Vor der Bühne taumelten die Fans in Trance. So wie er selbst – der das Innerste nach außen kehrte.
»Lasst uns gehen«, sagte Helga, als Jimi sich verabschiedet hatte, »besser wird’s nicht mehr.« Außerdem musste sie zum Klo. Zwei waren noch stehen geblieben. Und während Helga sich der langen Schlange vor den Türen anschloss, reihte Lennard sich vor der dampfenden Gulaschkanone ein.
»Die Speisung der Überlebenden«, meinte Lennard, als er Helga einen Teller anbot. Bis auf den Eiermann waren alle Imbissbuden im Sturm zerstört. Die Notverpflegung hätte auf keiner Speisekarte eine Chance gehabt, Wasser war das Mittel, die erforderlichen Portionen zu schaffen: Kartoffelmus, das einer Suppe glich, wie das Gulasch eher eine fleischhaltige Brühe war. Aber es füllte den Magen.
»Wollt ihr mit nach Puttgarden?« fragte ein Pärchen. »Wir fahren jetzt.«
»Wir kommen mit!« sagte Helga. »Von da können wir den Zug nehmen.« Die Tasche hatten sie bei sich. Die Schlafsäcke hatten sie aufgegeben. Sie würden sie im Chaos nicht wiederfinden, und wenn – es wären nasse Lappen, unmöglich, sie zu transportieren.
Der nächste Zug fuhr erst in anderthalb Stunden. Sie schauten sich den Fährbetrieb an.
»Schnell, schnell! Wir legen ab! Springen Sie!«, rief der Mann auf dem Fährschiff.
Und sie sprangen. Genau genommen, war es nur ein großer Schritt. Aber als sie auf dem Schiff waren, war der Abstand zum Zurückspringen schon zu groß. Diese Kluft zwischen Bordwand und Kai war der Maßstab, wenn Lennard von ihrem »wagemutigen Sprung nach Dänemark« erzählte. Als sie gar nicht vorhatten, hinüberzufahren. Nur die Aufforderung des Fährmatrosen hatte den spontanen Sprung ausgelöst. »Das kann doch eigentlich nicht wahr sein, dass so ein Matrose die Leute an Bord lockt, wenn das Schiff schon auf See ist!«, ereiferte er sich noch jahrelang, während der Abstand zwischen Kai und Schiff immer größer wurde, der Sprung immer tollkühner. Und was noch unglaublicher war: So kamen sie ohne Ticket und Grenzkontrolle nach Dänemark. 1970 war ein Jahr, in dem alles möglich schien, schließlich war sogar Jimi Hendrix nach Fehmarn gekommen. Zu einer Zeit, in der dort sonst stabiles Sommerwetter ist, nur diesmal nicht, auch wenn Mungo Jerry »In the Summer time« sang – damals ganz neu!
Smörrebröd und Heringshäppchen aßen sie an Bord. Eine Wohltat für den Gaumen nach dem Gulaschkanonenfraß – jetzt durfte er es so nennen ...
»Mein Ring!«, sagte Helga dann plötzlich. Mit blassem Gesicht sah sie auf ihre Finger. Der Ehering war noch da, nicht aber der Geburtstagsring mit dem wunderschönen Stein. Helga rannen die Tränen aus den Augen.
In Rödby, wo sie mit der Kleinbahn vom Fährhafen aus hinfuhren, gab es ein Geschäft, das die Touristen auch am Sonntag bediente. Dort kaufte Lennard seiner Helga einen neuen Ring. Silber in nordischem Design – und mit all den Erinnerungen an diesen Festival-Wochenende 1970 am Flügger Strand auf Fehmarn.
Da wo Lennard jetzt in die Sonne träumte, den Enkelkindern beim Sandburgenbauen zuschaute.

Er sah zur Uhr. Mittagszeit. Er schickte sich an, Kartoffelsalat und Frikadellen, Saft, Becher und Teller aus dem Wagen zu holen, als Maike aufgeregt durch den Sand stapfte.
»Opa! Opa! Guck mal, was ich gefunden habe!«
In ihren kleinen Händen hielt sie etwas Glitzerndes.
»Ein Schatz!« rief Maike. »Hier ist ein Schatz vergraben!« Und sie hielt Lennard das Glitzerding entgegen: ein silberner Ring mit blauem Stein, – ein Zirkon, der in der Sonne funkelte.
»Das ist ja ...«, Lennard stockte der Atem. »Das ist der Ring, den Helga hier verloren hat! Damals bei Jimi Hendrix.«
»Oma?« fragte Maike.
»Ja«, nickte Lennard, »Omas Ring! Der, den ich ihr damals zum Geburtstag geschenkt habe. Und dann war er weg!«
»War Oma sehr traurig?«
»Ja. Sie hat geweint. Weil es doch ein so schönes Geburtstags-geschenk von mir war. Ich war auch traurig.«
»Jetzt kriegt sie ihn wieder!«, sagte Maike. »Weil ich ihn gefunden habe. Extra für Oma.«
»Na, die wird überrascht sein. Riesig wird sie sich freuen!«
Maike wuchs ein paar Zentimeter, rieb den Ring an ihrem T-Shirt ab und pustete die letzten Sandkörnchen herunter. »Er ist wirklich schön. Guck mal, Opa, wie das glitzert. Wie die Sonne am Himmel.«
Als sie auf der ausgebreiteten Decke saßen und Frikadellen mit Kartoffelsalat aßen, lag der Ring genau in der Mitte. »Da könnt ihr mal sehen«, philosophierte Lennard, »auf der Erde geht nichts verloren. Aber es ist ein Wunder, es wiederzufinden. Toll, Maike!«
»Da wird sich Oma aber freuen!« freute sich Maike.
»Ich bring ihr eine Muschel mit«, sagte Heiko, »und eine für Mutti.«

Lennard hatte den Ring mit einem Band an den Rückspiegel gebunden, damit er auf keinen Fall erneut verloren ginge. Auf der Rückfahrt auf der Autobahn schwang er sanft hin und her und in seinem Stein bündelten sich die Strahlen der Abendsonne, während die Kinder auf dem Rücksitz schon eingeschlafen waren.
Lennard war zufrieden mit dem Tag. Glücklich sogar, weil sie den Ring wiedergefunden hatten. Und je länger er vor ihm hin und her schwang, um so schärfer wurde auch seine Erinnerung.
Er war golden, der Ring, den er Helga geschenkt hatte! Und der Stein war rot, ein Rubin!
Und hier baumelte ein Silberring mit blauem Zirkon.
Es war schon dunkel, damals, als er Helga den Ring überreichte. Trotzdem wird sie gesehen haben, dass er aus Gold war und ein liebesroter Rubin daran glühte. Sie wird es nicht vergessen haben, auch wenn sie ihn nur ein paar Sekunden lang gesehen hat. Frauen vergessen so etwas nicht, Helga schon gar nicht.
Wie komme ich aus der Nummer wieder raus?, dachte Lennard. Sollte er etwa Maike behutsam erklären, dass Omas Ring ganz anders ausgesehen hat und dass dieser Ring mit dem blauen Funkelstein wohl irgendeiner Frau beim Volleyballspielen am Strand vom Finger gerutscht ist. Die sich jetzt ärgert, weil der Ring weg ist. Dass Meike eigentlich gar kein Recht hat, ihn zu besitzen, dass sie ihn nur behalten kann, weil sie nicht weiß, wer diese Volleyballerin war.
Er musste Helga ein Zeichen geben. Er hätte sie anrufen müssen. Das war jetzt zu spät, die Kinder würden aufwachen. Maike müsste sich betrogen vorkommen.

»Wir sind da!« Maike und Heiko hatten es fast gleichzeitig gerufen. Es war, als ob die letzten Meter bis zum Haus der Kinder eine Weckfunktion hatten. Putzmunter und völlig ausgeschlafen hüpften die beiden einen Augenblick später aus dem Wagen.
»Gib mir den Ring, Opa!« forderte Maike.
»Moment, Moment!«, bremste Lennard und knotete den Ring vom Rückspiegel. »Wartet noch, wir gehen gemeinsam rein.«
Helga und Steffi hatten die Ankunft bemerkt, öffneten die Haustür. Maike lief den Gartenweg hinauf.
»Oma, Oma! Ich hab’ deinen Ring wiedergefunden!« Stolz reckte sie ihre kleine Hand empor. »Er war im Sand. Ich hab’ ihn ausgebuddelt. Da, wo du ihn verloren hast, wo Opa ihn dir zum Geburtstag geschenkt hat«, sprudelte sie hervor.
Helga war gerührt, drückte Maike, wischte sich eine Träne aus den Augen. Lennard, der im Hintergrund irgendwelche Zeichen machte, bemerkte sie nicht. »Wie lieb von dir Maike, und jetzt schenkst du ihn mir? Weißt du was, ich werde ihn dir schenken, wenn du größer bist. Auch zum Geburtstag.«
Maike strahlte.
»Ich hab nur ‘ne Muschel für dich«, meinte Heiko mit gedämpfter Stimme.
Helga legte den Ring hinein. »Sieh mal, wie schön der Ring in der weißen Muschel aussieht! Als ob sie ein kleines Schatzkästchen ist.«
Auch Heiko strahlte.
»Was ist mit dem Ring?«, fragte Steffi ihre Mutter.
»Hat mir Lennard zum Geburtstag geschenkt. Damals 1970 auf Fehmarn. Und ich habe ihn gleich wieder verloren, – weil es so eine stürmische Nacht war.«
»Aha«, ahnte Steffi, »stürmische Nacht! Hat das vielleicht etwas mit meinem Geburtstag im darauffolgenden Mai zu tun?«
»Worum geht’s?« fragte Lennard, der nun mit Taschen und Zeug beladen an der Haustür angekommen war.
»Um eine stürmische Nacht im September, lieber Papa«, lachte Steffi. »1970.«

Später, als Lennard den Wagen nach Hause steuerte und Helga auf dem Beifahrersitz saß, meinte er, eine Sache klären zu müssen.
»Der Ring, den ich dir damals geschenkt habe«, fing er an, »das war ein ...«
Helga unterbrach ihn, um den Satz zu vollenden: »... das war ein Silberring mit blauem Zirkon. Ein wunderhübscher Stein! Kein Wunder, dass du ihn sofort wiedererkannt hast.«
»Was ich immer an dir bewundert habe«, sagte Lennard, »das ist dein unbestechliches Gedächtnis.«
»Und dieser Jimi Hendrix«, sagte Helga, »der hat die Gitarre mit links gespielt.«
»Ja, und die gekochten Eier waren blau«, erinnerte sich Lennard.
»Und der Sprung auf die Fähre ...«, sagte Helga und sprach absichtlich nicht weiter.
Lennard ergänzte: »Das waren zwei Meter – mindestens, bestimmt noch etwas mehr.«

In the Summer Time

Lennard zeigte über das Lenkrad hinweg nach links: »Das ist der Kleiderbügel«, erklärte er seinen Enkelkindern auf der Rückbank, »die Brücke nach Fehmarn. Da fahren wir gleich rüber und sind auf der Insel und auch bald am Strand.«
»Das finde ich ulkig«, lachte Maike. »Sieht ja auch so aus wie ein Kleiderbügel. Dann haben wir zu Hause ja lauter Brücken im Schrank.«
»Da muss man mit dem Schiff hinfahren, sonst ist das gar keine richtige Insel«, mokierte sich Heiko.
»Das ist wohl eine Insel. Eine Insel, Insel, Insel«, beharrte die zehnjährige Maike. »Weil rundum Wasser ist. Stimmt’s, Opa?«
»Ja, so ist das. Früher konnte man auch nur mit dem Schiff dorthin. Eine Fähre gibt es auch noch. Drüben, auf der anderen Seite der Insel. Die geht nach Dänemark. Da passen so viele Autos und sogar ein ganzer Zug drauf, dass sie einfach eine große Brücke brauchten, weil die kleine Fähre es doch gar nicht schaffte, so viele Autos auf die Insel zu bringen.«
»Warst du da schon mal?«, fragte Heiko. »Hier auf der Insel am Strand?«
»Oh ja!« sagte Lennard. »Aber das ist schon ganz lange her. Da war dein Papa noch nicht einmal auf der Welt, und die Mutti noch lange nicht.«
»War Oma auch hier?«
»Ja, die war auch dabei. Wir waren da schon ein paar Jahre verheiratet. Aber wir waren noch keine richtige Familie, und wenn irgendwo was los war, dann waren wir dabei.«
Sie fuhren über die Vogelflug-Brücke, sahen nach rechts und links, aber es war kein Schiff in Sicht, das drunter hindurch wollte. Lennard verließ die breite Straße nach Puttgarden, um über Petersdorf zum Flügger Strand zu fahren. Rechts und links der schmalen Straße breiteten sich Felder aus, gesäumt von den üblichen Knicks. Hin und wieder standen schwarz-bunte Kühe auf den Wiesen oder es lag ein Gehöft im Hintergrund. Das machte Heiko neugierig.
»Was war hier denn los?«, fragte er.
»Damals«, holte Lennard aus, »damals, als wir hier waren, da liefen hier überall junge Leute herum. Autos fuhren da auch – voll mit Jungs und Mädchen. Sie waren bepackt mit Zelten und Schlafsäcken. Alle wollten zum Strand, dahin, wo wir auch hin wollen.«
»Ich freu mich schon aufs Baden«, sagte Maike.
»Sind die jetzt alle schon da?«, fragte Heiko.
»Damals«, begann Lennard wieder, »damals war hier ein großes Musikfest ...«
»Ich finde die Trommeln am besten«, fiel Heiko ihm ins Wort.
»Und ich die Frau, die das Lied von den Schmetterlingen gesungen hat«, ergänzte Maike. »Alle waren eigentlich gut. Nur die mit den Geigen nicht. Das hat immer so gequietscht.«
Kinder, dachte Lennard, die haben ja keine Ahnung. Aber er konnte es nicht hinnehmen, dass womöglich bei der Jugend der Eindruck hängen blieb, dass die Großeltern einmal zu einem Volksmusik-Gaudi nach Fehmarn gepilgert waren.
»Love and Peace Festival hieß es. Das war 1970. Und es war das letzte Konzert von Jimi Hendrix. Canned Heat waren dabei und die Faces mit Rod Stewart und Ginger Bakers Airforce und Inga Rumpf und natürlich Mungo Jerry.« Ganz schnell hatte Lennard das hervorgesprudelt. Es waren die Namen von Bands und ihren Stars, die ihm immer mehr in den Sinn kamen, je näher sie Fehmarn kamen. Es musste raus, auch wenn es den Kindern nichts sagte. »In the summer time«, sang er, »when the weather is high...« Ja, das waren Zeiten! »Da da da-da-da, dee da-da-da dee...« Die Kinder fingen sogar an, mitzusingen.
»Eine riesige Bühne war da«, schwärmte Lennard, »alles voller Menschen, und Zelte hatten sie aufgebaut, und die Luft war voll Musik. Das war Woodstock für Deutschland!«
»Was ist ein Wuddstock?« fragte Heiko.
»Erzähl ich euch später mal«, sagte Lennard. Er hatte jetzt gecheckt, dass die Rückbank zwei Generationen weiter zählte. Ten Years After, erinnert er sich, auf die hatten sie damals vergeblich gewartet. Und jetzt waren es vierzig Jahre danach – mehr noch. »Gleich sind wir da!«
Lennard hatte sich das Ziel auf dem Navi eingestellt. Damals konnte er sich am Strom der Rock-Pilger orientieren. Es war nicht zu verfehlen. Jetzt hatte er auf jedem Weg das Gefühl, auf der falschen Spur zu sein. Doch im Vertrauen auf das Navi-Display und der freundlichen Ansage »Sie haben Ihr Ziel erreicht!«, befand Lennard: »Wir sind schon da!«
»Das ist Sommerteim?«, fragte Heiko skeptisch, aber Maike trällerte die Bedenken mit »Da da da-da-da, dee da-da-da dee« beiseite und Lennard ließ die Scheiben herunter, sodass der Geruch und das Rauschen des Meeres hereinströmten und kein Zweifel mehr bestand: Hinter der Kante, auf der das Grass dürr und gelb war, lag der Strand. Noch ein paar Meter, dann stoppte er den Wagen: »Raus mit euch!«
Jetzt breitete sich das Meer vor ihnen aus, rollte unablässig mit weißen Schaumkronen auf den Strand.
»Ich muss mal Pipi!« rief Heiko.
»Geh da hinten in die Büsche«, schlug Lennard vor. Er legte stets großen Wert darauf, dass die Kleinen solche Dinge so früh wie möglich selbständig erledigten.
»Ich mach im Wasser«, sagte Maike zu sich, und dann lauter: »Hol mal die Sachen aus dem Auto, Opa!«
»Geht los, gnädige Frau«, grinste Lennard.
Ihm gefiel dieser kecke Befehlston seiner Enkeltochter. Sind Helgas Gene wohl über Steffi zu Maike weitergereist, dachte er bei sich. Helga und Steffi wollten sich mal einen kinderfreien Mutter-Tochter-Tag gönnen. Passte gerade gut, weil Jan ein paar Tage auf Geschäftsreise war. »Die Kinder wollen auch mal einen Opa-Tag haben«, hatte Helga ihm beigebracht. Und sie hatte es als »mal wieder typisch eine Nummer zu groß« empfunden, dass er mit ihnen bis nach Fehmarn wollte. »Zweimal zwei Stunden im Auto, – eine Strafe für die Kinder«, hatte sie gesagt. »Im ganzen kaum mehr als eine«, hatte er ihr erklärt. »Auf dem Hinweg schlafen sie nach einer halben Stunde vor Langeweile und auf dem Rückweg, weil der Tag sie geschafft hat. Das ist doch Erfahrungssache, oder?« Helga hatte noch einen Augenblick mit dem Kopf gewackelt und dann noch gefragt: »Warum sind wir eigentlich nie mehr nach Fehmarn gefahren?« Und er hatte die Schultern hochgezogen und keinen Grund gewusst. »Weil du sauer warst«, hatte Helga dann gemeint, »weil ich den Ring verloren hatte. Einen Tag nach meinem Geburtstag, war das gute Stück weg. Das hätte Fehmarn nicht passieren dürfen!« Doch nicht deshalb! Aber ärgerlich war es schon. War nicht billig, das gute Stück. Und das Wetter war so mies, wie es nur sein konnte. Aber Schwamm drüber nach all den Jahren. Zweite Chance für Fehmarn – und das Wetter? Einfach super für einen Opa-Tag mit den Enkelkindern. »Na, gut«, hatte Helga zugestimmt und Steffi hatte ihn ermahnt, dass er die beiden ordentlich einkremen sollte, weil die Sonne an der See besonders stark ist.
»Was ist nun, Opa?« fragte Maike, und Lennard räumte Eimer, Schaufel, Ball und Decken aus dem Wagen.
Heiko kam zurück. »Alles klar?«, fragte Lennard.
»Hab den Stein angepinkelt!«, verkündete er. »Da steht ein Riesenstein! Mit Musik drauf.«
Lennard wurde neugierig. »Zeig mal!« Jetzt sah er ihn. »Mann! Drei Meter hoch und ich guck dran vorbei, um den Strand zu suchen. Komm!«
Auch Maike kam mit. »Das ist eine Gitarre«, sagte sie stolz und zeigte auf das in den Granitblock gemeisselte Bild.
»Die Woodstock-Gitarre.« Es war Andacht, wie Lennard das sagte, und ebenso ehrfürchtig las er die Buchstaben: »Jimi Hendrix – Fehmarn - Love and Peace Festival – vierter bis sechster September 1970. Das war es ...«
»Ist das hier ein Friedhof?« fragte Maike.
»Nee, Maike, ganz bestimmt nicht«, winkte Lennard ab, »aber hier hat er zum letzten Mal Musik gemacht. Jimi Hendrix. Und wir waren dabei.«
»Du und Oma?«
»Ja, wir beide.«
»Und für euch hat er Musik gemacht, der Jimmy!« Maike fragte es nicht, sie stellte es befriedigt fest und streichelte den mächtigen Stein mit ihrer kleinen Mädchenhand.«
»Ja, für uns«, sagte Lennard und tätschelte den Stein wie einen guten Kumpel.
»Da hab ich hingepinkelt«, sagte Heiko, zeigte auf die nasse Stelle und beteiligte sich wiedergutmachend an den Streicheleinheiten.
Nachdem sich alle einmal den Wellen entgegen geworfen hatten und trockengerubbelt und eingekremt im Sand lagen, stieg neuer Tatendrang in ihnen auf. Gräben ziehen, Burgen bauen! Lennard hatte nur zwei Schaufeln mitgenommen. Um Streit zu vermeiden, musste er zuschauen.
Dem Ort hafteten die Erinnerungen an. Er sah zwar, wie Maike und Heiko den Strand umschaufelten und eine Wasserburg entstand, aber vor seinem inneren Auge lief das Festival von 1970 ab. Im monotonen Rollen der See waberten die Rocksongs der Unvergessenen.

»Der September ist wettermäßig so stabil wie der ganze Sommer nicht«, hatte man ihnen in einem Krämerladen erzählt. »So wie in diesem Jahr war es noch nie.«
Es regnete. Erst nieselnd, dann heftiger. Zwischendurch mal hoffnungsvolle Sonnenabschnitte, aber am Horizont wurde es schon wieder dunkel. Wind kam auf. Es wurde kälter.
Aber auf der Bühne standen die Musiker, klampften in die Saiten, droschen auf Becken und Trommeln, ließen Keyboards heulen, sangen gegen den Regen. »Es wird schon wieder aufhören«, munterte Helga Lennard auf. Er hatte ihr die Freude machen wollen, auf dem German-Woodstock, der Mutter aller künftigen Open Air Festivals in Deutschland, in ihren Geburtstag hinein zu feiern. Sie waren am Samstag bei Freunden mitgefahren und schon mittags auf der Wiese vor der Bühne. Vier unter einer Plastikplane.
Um halbzehn am Abend erklärten die Freunde, dass sie vom Regen die Schnauze voll haben und sich das nicht antun müssen, und ob sie mit zurück nach Hause wollen. Und Helga wiederholte: »Es wird schon wieder aufhören.«
Sie holten die Schlafsäcke, ihre Tasche und noch zwei blaue Müllsäcke aus dem Wagen und wünschten den Freunden eine gute Heimfahrt.
Sie warteten auf Jimi Hendrix. Ab und zu rauschte die Ansage aus den Boxen, dass sich der Auftritt verzögert, dass er aber bereits auf Fehmarn sei. Dann spielten Mungo Jerry »In the summer time«, während es sogar zu regnen aufhörte. Morgen soll es noch schöner werden, verkündete die Lautsprecherstimme, und dann werde er auftreten, the one and only Jimi Hendrix. Morgen, bei Sonnenschein. In the summer time – Mungo Jerry spielte das Stück noch einmal ...
Dann nahm der Wind zu, er wurde zum Sturm. Der Regen schien horizontal vom Himmel zu schauern.
»Egal«, sagte Lennard und wackelte am Draht der Krim-Sekt-Flasche. Als der Korken ploppte und in die schwarzen Wolken schoss, blitzte es, der Donner folgte unmittelbar. Helga klammerte sich an ihn.
»Herzlichen Glückwunsch!« rief Lennard, küsste Helgas nasse Lippen und sah beim zweiten Blitz, dass sie lächelte. »Das hätten sie auf dem Traumschiff mit Eisbombe und Wunderkerzen nie und nimmer so schön hingekriegt«, sagte sie. Dafür liebte Lennard seine Frau. Er fingerte aus der Innentasche seiner Jacke die kleine Schachtel hervor und öffnete sie. Ein goldener Ring mit einem hübschen Stein, – so hatte sie es sich gewünscht, und so erfüllte er ihren Wunsch. Nachts um zwölf bei Wind und Wetter auf dem Love an Peace Festival auf Fehmarn.
Er steckte ihr den Ring auf den Finger. Und der Regen nahm zu, und der Sturm wurde stärker.
Ein paar Freaks liefen mit Holzplatten herum, hielten sie mühsam im Wind, um sie dann als Schutzschild über ihre nassen Schlafsäcke zu decken. »Noch sind welche da!« rief einer. »Du musst dich beeilen!«
Lennard machte sich auf den Weg. Helga blieb am Platz, eingewickelt in der Plastikplane, damit der Wind sie nicht davonriss. Als er zurückkam, ächste er unter der Windlast einer Holzplatte, ein Mann mit nacktem Oberkörper half beim Tragen und fragte mit kicksender Stimme: »Braucht ihr Präser? Hat Beate Uhse heute verteilt! Damit uns warm wird – hahaha!« Er warf Helga zwei oder drei Schachteln zu, doch sie wurden vom Sturm ergriffen.
»Das gibt uns etwas Windschutz«, meinte Lennard, als er sich mühte, die Platte im Erdboden zu fixieren und im übrigen mit dem Rücken abzustützen. »Das ist ‘ne Klotür«, erzählte er Helga. »Die meisten Toiletten liegen flach. Es ist ein Chaos.«
»Hier ist noch Sekt«, sagte Helga. »Es ist schließlich mein Geburtstag.«
Irgendwie gelang es ihnen, aus den Schlafsäcken ein gemeinsames Bett zu machen. »Wenn nur das Dach nicht so tief wäre«, meinte Lennard. Aber Raum ist in der kleinsten Hütte. Und so wurde es trotz allem, was ringsum geschah, trotz kalter Schauer und Sturmböen, eine Geburtstags-Liebesnacht, wie sie so nie wieder sein würde.
Es war windstill und neblig, als sie erwachten. Es war die Stimme, die aus Richtung der Bühne in ungewohnt sanftem Ton durch den Dunst drang: »Hier spricht das Rote Kreuz. Wir haben warmen Tee.«
»Darf ich dich auf einen Tee einladen?« fragte Lennard.
»Ich will nur eben schnell die Betten machen«, antwortete Helga, als sei alles so, wie es sein sollte.
Während sie den heißen Tee schlürften und dazu ein trockenes Brötchen kauten, kam die Sonne durch, verzog sich der Nebel, blaute der Himmel auf. Es war unglaublich!
Am Ende der Wiese parkte ein Lieferwagen und hatte alle Türen geöffnet, um blaugefärbte hartgekochte Eier zu verkaufen. Von der Bühne kam die Durchsage, dass Jimi Hendrix auf dem Weg ist, sein Auftritt in einer halben Stunde...
Und wirklich. Eine Stunde später stand er auf der Bühne, ließ seine Gitarre aufheulen und schmettern, er feuerte Amerikas Hymne über den Platz. Hey Joe, fragte er, wo willst du mit dem Colt hin. Als zuckender Paradiesvogel schrubbte er das Voodoo Child von der Gitarre. Vor der Bühne taumelten die Fans in Trance. So wie er selbst – der das Innerste nach außen kehrte.
»Lasst uns gehen«, sagte Helga, als Jimi sich verabschiedet hatte, »besser wird’s nicht mehr.« Außerdem musste sie zum Klo. Zwei waren noch stehen geblieben. Und während Helga sich der langen Schlange vor den Türen anschloss, reihte Lennard sich vor der dampfenden Gulaschkanone ein.
»Die Speisung der Überlebenden«, meinte Lennard, als er Helga einen Teller anbot. Bis auf den Eiermann waren alle Imbissbuden im Sturm zerstört. Die Notverpflegung hätte auf keiner Speisekarte eine Chance gehabt, Wasser war das Mittel, die erforderlichen Portionen zu schaffen: Kartoffelmus, das einer Suppe glich, wie das Gulasch eher eine fleischhaltige Brühe war. Aber es füllte den Magen.
»Wollt ihr mit nach Puttgarden?« fragte ein Pärchen. »Wir fahren jetzt.«
»Wir kommen mit!« sagte Helga. »Von da können wir den Zug nehmen.« Die Tasche hatten sie bei sich. Die Schlafsäcke hatten sie aufgegeben. Sie würden sie im Chaos nicht wiederfinden, und wenn – es wären nasse Lappen, unmöglich, sie zu transportieren.
Der nächste Zug fuhr erst in anderthalb Stunden. Sie schauten sich den Fährbetrieb an.
»Schnell, schnell! Wir legen ab! Springen Sie!«, rief der Mann auf dem Fährschiff.
Und sie sprangen. Genau genommen, war es nur ein großer Schritt. Aber als sie auf dem Schiff waren, war der Abstand zum Zurückspringen schon zu groß. Diese Kluft zwischen Bordwand und Kai war der Maßstab, wenn Lennard von ihrem »wagemutigen Sprung nach Dänemark« erzählte. Als sie gar nicht vorhatten, hinüberzufahren. Nur die Aufforderung des Fährmatrosen hatte den spontanen Sprung ausgelöst. »Das kann doch eigentlich nicht wahr sein, dass so ein Matrose die Leute an Bord lockt, wenn das Schiff schon auf See ist!«, ereiferte er sich noch jahrelang, während der Abstand zwischen Kai und Schiff immer größer wurde, der Sprung immer tollkühner. Und was noch unglaublicher war: So kamen sie ohne Ticket und Grenzkontrolle nach Dänemark. 1970 war ein Jahr, in dem alles möglich schien, schließlich war sogar Jimi Hendrix nach Fehmarn gekommen. Zu einer Zeit, in der dort sonst stabiles Sommerwetter ist, nur diesmal nicht, auch wenn Mungo Jerry »In the Summer time« sang – damals ganz neu!
Smörrebröd und Heringshäppchen aßen sie an Bord. Eine Wohltat für den Gaumen nach dem Gulaschkanonenfraß – jetzt durfte er es so nennen ...
»Mein Ring!«, sagte Helga dann plötzlich. Mit blassem Gesicht sah sie auf ihre Finger. Der Ehering war noch da, nicht aber der Geburtstagsring mit dem wunderschönen Stein. Helga rannen die Tränen aus den Augen.
In Rödby, wo sie mit der Kleinbahn vom Fährhafen aus hinfuhren, gab es ein Geschäft, das die Touristen auch am Sonntag bediente. Dort kaufte Lennard seiner Helga einen neuen Ring. Silber in nordischem Design – und mit all den Erinnerungen an diesen Festival-Wochenende 1970 am Flügger Strand auf Fehmarn.
Da wo Lennard jetzt in die Sonne träumte, den Enkelkindern beim Sandburgenbauen zuschaute.

Er sah zur Uhr. Mittagszeit. Er schickte sich an, Kartoffelsalat und Frikadellen, Saft, Becher und Teller aus dem Wagen zu holen, als Maike aufgeregt durch den Sand stapfte.
»Opa! Opa! Guck mal, was ich gefunden habe!«
In ihren kleinen Händen hielt sie etwas Glitzerndes.
»Ein Schatz!« rief Maike. »Hier ist ein Schatz vergraben!« Und sie hielt Lennard das Glitzerding entgegen: ein silberner Ring mit blauem Stein, – ein Zirkon, der in der Sonne funkelte.
»Das ist ja ...«, Lennard stockte der Atem. »Das ist der Ring, den Helga hier verloren hat! Damals bei Jimi Hendrix.«
»Oma?« fragte Maike.
»Ja«, nickte Lennard, »Omas Ring! Der, den ich ihr damals zum Geburtstag geschenkt habe. Und dann war er weg!«
»War Oma sehr traurig?«
»Ja. Sie hat geweint. Weil es doch ein so schönes Geburtstags-geschenk von mir war. Ich war auch traurig.«
»Jetzt kriegt sie ihn wieder!«, sagte Maike. »Weil ich ihn gefunden habe. Extra für Oma.«
»Na, die wird überrascht sein. Riesig wird sie sich freuen!«
Maike wuchs ein paar Zentimeter, rieb den Ring an ihrem T-Shirt ab und pustete die letzten Sandkörnchen herunter. »Er ist wirklich schön. Guck mal, Opa, wie das glitzert. Wie die Sonne am Himmel.«
Als sie auf der ausgebreiteten Decke saßen und Frikadellen mit Kartoffelsalat aßen, lag der Ring genau in der Mitte. »Da könnt ihr mal sehen«, philosophierte Lennard, »auf der Erde geht nichts verloren. Aber es ist ein Wunder, es wiederzufinden. Toll, Maike!«
»Da wird sich Oma aber freuen!« freute sich Maike.
»Ich bring ihr eine Muschel mit«, sagte Heiko, »und eine für Mutti.«

Lennard hatte den Ring mit einem Band an den Rückspiegel gebunden, damit er auf keinen Fall erneut verloren ginge. Auf der Rückfahrt auf der Autobahn schwang er sanft hin und her und in seinem Stein bündelten sich die Strahlen der Abendsonne, während die Kinder auf dem Rücksitz schon eingeschlafen waren.
Lennard war zufrieden mit dem Tag. Glücklich sogar, weil sie den Ring wiedergefunden hatten. Und je länger er vor ihm hin und her schwang, um so schärfer wurde auch seine Erinnerung.
Er war golden, der Ring, den er Helga geschenkt hatte! Und der Stein war rot, ein Rubin!
Und hier baumelte ein Silberring mit blauem Zirkon.
Es war schon dunkel, damals, als er Helga den Ring überreichte. Trotzdem wird sie gesehen haben, dass er aus Gold war und ein liebesroter Rubin daran glühte. Sie wird es nicht vergessen haben, auch wenn sie ihn nur ein paar Sekunden lang gesehen hat. Frauen vergessen so etwas nicht, Helga schon gar nicht.
Wie komme ich aus der Nummer wieder raus?, dachte Lennard. Sollte er etwa Maike behutsam erklären, dass Omas Ring ganz anders ausgesehen hat und dass dieser Ring mit dem blauen Funkelstein wohl irgendeiner Frau beim Volleyballspielen am Strand vom Finger gerutscht ist. Die sich jetzt ärgert, weil der Ring weg ist. Dass Meike eigentlich gar kein Recht hat, ihn zu besitzen, dass sie ihn nur behalten kann, weil sie nicht weiß, wer diese Volleyballerin war.
Er musste Helga ein Zeichen geben. Er hätte sie anrufen müssen. Das war jetzt zu spät, die Kinder würden aufwachen. Maike müsste sich betrogen vorkommen.

»Wir sind da!« Maike und Heiko hatten es fast gleichzeitig gerufen. Es war, als ob die letzten Meter bis zum Haus der Kinder eine Weckfunktion hatten. Putzmunter und völlig ausgeschlafen hüpften die beiden einen Augenblick später aus dem Wagen.
»Gib mir den Ring, Opa!« forderte Maike.
»Moment, Moment!«, bremste Lennard und knotete den Ring vom Rückspiegel. »Wartet noch, wir gehen gemeinsam rein.«
Helga und Steffi hatten die Ankunft bemerkt, öffneten die Haustür. Maike lief den Gartenweg hinauf.
»Oma, Oma! Ich hab’ deinen Ring wiedergefunden!« Stolz reckte sie ihre kleine Hand empor. »Er war im Sand. Ich hab’ ihn ausgebuddelt. Da, wo du ihn verloren hast, wo Opa ihn dir zum Geburtstag geschenkt hat«, sprudelte sie hervor.
Helga war gerührt, drückte Maike, wischte sich eine Träne aus den Augen. Lennard, der im Hintergrund irgendwelche Zeichen machte, bemerkte sie nicht. »Wie lieb von dir Maike, und jetzt schenkst du ihn mir? Weißt du was, ich werde ihn dir schenken, wenn du größer bist. Auch zum Geburtstag.«
Maike strahlte.
»Ich hab nur ‘ne Muschel für dich«, meinte Heiko mit gedämpfter Stimme.
Helga legte den Ring hinein. »Sieh mal, wie schön der Ring in der weißen Muschel aussieht! Als ob sie ein kleines Schatzkästchen ist.«
Auch Heiko strahlte.
»Was ist mit dem Ring?«, fragte Steffi ihre Mutter.
»Hat mir Lennard zum Geburtstag geschenkt. Damals 1970 auf Fehmarn. Und ich habe ihn gleich wieder verloren, – weil es so eine stürmische Nacht war.«
»Aha«, ahnte Steffi, »stürmische Nacht! Hat das vielleicht etwas mit meinem Geburtstag im darauffolgenden Mai zu tun?«
»Worum geht’s?« fragte Lennard, der nun mit Taschen und Zeug beladen an der Haustür angekommen war.
»Um eine stürmische Nacht im September, lieber Papa«, lachte Steffi. »1970.«

Später, als Lennard den Wagen nach Hause steuerte und Helga auf dem Beifahrersitz saß, meinte er, eine Sache klären zu müssen.
»Der Ring, den ich dir damals geschenkt habe«, fing er an, »das war ein ...«
Helga unterbrach ihn, um den Satz zu vollenden: »... das war ein Silberring mit blauem Zirkon. Ein wunderhübscher Stein! Kein Wunder, dass du ihn sofort wiedererkannt hast.«
»Was ich immer an dir bewundert habe«, sagte Lennard, »das ist dein unbestechliches Gedächtnis.«
»Und dieser Jimi Hendrix«, sagte Helga, »der hat die Gitarre mit links gespielt.«
»Ja, und die gekochten Eier waren blau«, erinnerte sich Lennard.
»Und der Sprung auf die Fähre ...«, sagte Helga und sprach absichtlich nicht weiter.
Lennard ergänzte: »Das waren zwei Meter – mindestens, bestimmt noch etwas mehr.«

Lennard zeigte über das Lenkrad hinweg nach links: »Das
 ist der Kleiderbügel«, erklärte er seinen Enkelkindern auf der Rückbank, »die Brücke nach Fehmarn. Da fahren wir gleich rüber und sind auf der Insel und auch bald am Strand.«
»Das finde ich ulkig«, lachte Maike. »Sieht ja auch so aus wie ein Kleiderbügel. Dann haben wir zu Hause ja lauter Brücken im Schrank.«
»Da muss man mit dem Schiff hinfahren, sonst ist das gar keine richtige Insel«, mokierte sich Heiko.
»Das ist wohl eine Insel. Eine Insel, Insel, Insel«, beharrte die zehnjährige Maike. »Weil rundum Wasser ist. Stimmt’s, Opa?«
»Ja, so ist das. Früher konnte man auch nur mit dem Schiff dorthin. Eine Fähre gibt es auch noch. Drüben, auf der anderen Seite der Insel. Die geht nach Dänemark. Da passen so viele Autos und sogar ein ganzer Zug drauf, dass sie einfach eine große Brücke brauchten, weil die kleine Fähre es doch gar nicht schaffte, so viele Autos auf die Insel zu bringen.«
»Warst du da schon mal?«, fragte Heiko. »Hier auf der Insel am Strand?«
»Oh ja!« sagte Lennard. »Aber das ist schon ganz lange her. Da war dein Papa noch nicht einmal auf der Welt, und die Mutti noch lange nicht.«
»War Oma auch hier?«
»Ja, die war auch dabei. Wir waren da schon ein paar Jahre verheiratet. Aber wir waren noch keine richtige Familie, und wenn irgendwo was los war, dann waren wir dabei.«
Sie fuhren über die Vogelflug-Brücke, sahen nach rechts und links, aber es war kein Schiff in Sicht, das drunter hindurch wollte. Lennard verließ die breite Straße nach Puttgarden, um über Petersdorf zum Flügger Strand zu fahren. Rechts und links der schmalen Straße breiteten sich Felder aus, gesäumt von den üblichen Knicks. Hin und wieder standen schwarz-bunte Kühe auf den Wiesen oder es lag ein Gehöft im Hintergrund. Das machte Heiko neugierig.
»Was war hier denn los?«, fragte er.
»Damals«, holte Lennard aus, »damals, als wir hier waren, da liefen hier überall junge Leute herum. Autos fuhren da auch – voll mit Jungs und Mädchen. Sie waren bepackt mit Zelten und Schlafsäcken. Alle wollten zum Strand, dahin, wo wir auch hin wollen.«
»Ich freu mich schon aufs Baden«, sagte Maike.
»Sind die jetzt alle schon da?«, fragte Heiko.
»Damals«, begann Lennard wieder, »damals war hier ein großes Musikfest ...«
»Ich finde die Trommeln am besten«, fiel Heiko ihm ins Wort.
»Und ich die Frau, die das Lied von den Schmetterlingen gesungen hat«, ergänzte Maike. »Alle waren eigentlich gut. Nur die mit den Geigen nicht. Das hat immer so gequietscht.«
Kinder, dachte Lennard, die haben ja keine Ahnung. Aber er konnte es nicht hinnehmen, dass womöglich bei der Jugend der Eindruck hängen blieb, dass die Großeltern einmal zu einem Volksmusik-Gaudi nach Fehmarn gepilgert waren.
»Love and Peace Festival hieß es. Das war 1970. Und es war das letzte Konzert von Jimi Hendrix. Canned Heat waren dabei und die Faces mit Rod Stewart und Ginger Bakers Airforce und Inga Rumpf und natürlich Mungo Jerry.« Ganz schnell hatte Lennard das hervorgesprudelt. Es waren die Namen von Bands und ihren Stars, die ihm immer mehr in den Sinn kamen, je näher sie Fehmarn kamen. Es musste raus, auch wenn es den Kindern nichts sagte. »In the summer time«, sang er, »when the weather is high...« Ja, das waren Zeiten! »Da da da-da-da, dee da-da-da dee...« Die Kinder fingen sogar an, mitzusingen.
»Eine riesige Bühne war da«, schwärmte Lennard, »alles voller Menschen, und Zelte hatten sie aufgebaut, und die Luft war voll Musik. Das war Woodstock für Deutschland!«
»Was ist ein Wuddstock?« fragte Heiko.
»Erzähl ich euch später mal«, sagte Lennard. Er hatte jetzt gecheckt, dass die Rückbank zwei Generationen weiter zählte. Ten Years After, erinnert er sich, auf die hatten sie damals vergeblich gewartet. Und jetzt waren es vierzig Jahre danach – mehr noch. »Gleich sind wir da!«
Lennard hatte sich das Ziel auf dem Navi eingestellt. Damals konnte er sich am Strom der Rock-Pilger orientieren. Es war nicht zu verfehlen. Jetzt hatte er auf jedem Weg das Gefühl, auf der falschen Spur zu sein. Doch im Vertrauen auf das Navi-Display und der freundlichen Ansage »Sie haben Ihr Ziel erreicht!«, befand Lennard: »Wir sind schon da!«
»Das ist Sommerteim?«, fragte Heiko skeptisch, aber Maike trällerte die Bedenken mit »Da da da-da-da, dee da-da-da dee« beiseite und Lennard ließ die Scheiben herunter, sodass der Geruch und das Rauschen des Meeres hereinströmten und kein Zweifel mehr bestand: Hinter der Kante, auf der das Grass dürr und gelb war, lag der Strand. Noch ein paar Meter, dann stoppte er den Wagen: »Raus mit euch!«
Jetzt breitete sich das Meer vor ihnen aus, rollte unablässig mit weißen Schaumkronen auf den Strand.
»Ich muss mal Pipi!« rief Heiko.
»Geh da hinten in die Büsche«, schlug Lennard vor. Er legte stets großen Wert darauf, dass die Kleinen solche Dinge so früh wie möglich selbständig erledigten.
»Ich mach im Wasser«, sagte Maike zu sich, und dann lauter: »Hol mal die Sachen aus dem Auto, Opa!«
»Geht los, gnädige Frau«, grinste Lennard.
Ihm gefiel dieser kecke Befehlston seiner Enkeltochter. Sind Helgas Gene wohl über Steffi zu Maike weitergereist, dachte er bei sich. Helga und Steffi wollten sich mal einen kinderfreien Mutter-Tochter-Tag gönnen. Passte gerade gut, weil Jan ein paar Tage auf Geschäftsreise war. »Die Kinder wollen auch mal einen Opa-Tag haben«, hatte Helga ihm beigebracht. Und sie hatte es als »mal wieder typisch eine Nummer zu groß« empfunden, dass er mit ihnen bis nach Fehmarn wollte. »Zweimal zwei Stunden im Auto, – eine Strafe für die Kinder«, hatte sie gesagt. »Im ganzen kaum mehr als eine«, hatte er ihr erklärt. »Auf dem Hinweg schlafen sie nach einer halben Stunde vor Langeweile und auf dem Rückweg, weil der Tag sie geschafft hat. Das ist doch Erfahrungssache, oder?« Helga hatte noch einen Augenblick mit dem Kopf gewackelt und dann noch gefragt: »Warum sind wir eigentlich nie mehr nach Fehmarn gefahren?« Und er hatte die Schultern hochgezogen und keinen Grund gewusst. »Weil du sauer warst«, hatte Helga dann gemeint, »weil ich den Ring verloren hatte. Einen Tag nach meinem Geburtstag, war das gute Stück weg. Das hätte Fehmarn nicht passieren dürfen!« Doch nicht deshalb! Aber ärgerlich war es schon. War nicht billig, das gute Stück. Und das Wetter war so mies, wie es nur sein konnte. Aber Schwamm drüber nach all den Jahren. Zweite Chance für Fehmarn – und das Wetter? Einfach super für einen Opa-Tag mit den Enkelkindern. »Na, gut«, hatte Helga zugestimmt und Steffi hatte ihn ermahnt, dass er die beiden ordentlich einkremen sollte, weil die Sonne an der See besonders stark ist.
»Was ist nun, Opa?« fragte Maike, und Lennard räumte Eimer, Schaufel, Ball und Decken aus dem Wagen.
Heiko kam zurück. »Alles klar?«, fragte Lennard.
»Hab den Stein angepinkelt!«, verkündete er. »Da steht ein Riesenstein! Mit Musik drauf.«
Lennard wurde neugierig. »Zeig mal!« Jetzt sah er ihn. »Mann! Drei Meter hoch und ich guck dran vorbei, um den Strand zu suchen. Komm!«
Auch Maike kam mit. »Das ist eine Gitarre«, sagte sie stolz und zeigte auf das in den Granitblock gemeisselte Bild.
»Die Woodstock-Gitarre.« Es war Andacht, wie Lennard das sagte, und ebenso ehrfürchtig las er die Buchstaben: »Jimi Hendrix – Fehmarn - Love and Peace Festival – vierter bis sechster September 1970. Das war es ...«
»Ist das hier ein Friedhof?« fragte Maike.
»Nee, Maike, ganz bestimmt nicht«, winkte Lennard ab, »aber hier hat er zum letzten Mal Musik gemacht. Jimi Hendrix. Und wir waren dabei.«
»Du und Oma?«
»Ja, wir beide.«
»Und für euch hat er Musik gemacht, der Jimmy!« Maike fragte es nicht, sie stellte es befriedigt fest und streichelte den mächtigen Stein mit ihrer kleinen Mädchenhand.«
»Ja, für uns«, sagte Lennard und tätschelte den Stein wie einen guten Kumpel.
»Da hab ich hingepinkelt«, sagte Heiko, zeigte auf die nasse Stelle und beteiligte sich wiedergutmachend an den Streicheleinheiten.
Nachdem sich alle einmal den Wellen entgegen geworfen hatten und trockengerubbelt und eingekremt im Sand lagen, stieg neuer Tatendrang in ihnen auf. Gräben ziehen, Burgen bauen! Lennard hatte nur zwei Schaufeln mitgenommen. Um Streit zu vermeiden, musste er zuschauen.
Dem Ort hafteten die Erinnerungen an. Er sah zwar, wie Maike und Heiko den Strand umschaufelten und eine Wasserburg entstand, aber vor seinem inneren Auge lief das Festival von 1970 ab. Im monotonen Rollen der See waberten die Rocksongs der Unvergessenen.

»Der September ist wettermäßig so stabil wie der ganze Sommer nicht«, hatte man ihnen in einem Krämerladen erzählt. »So wie in diesem Jahr war es noch nie.«
Es regnete. Erst nieselnd, dann heftiger. Zwischendurch mal hoffnungsvolle Sonnenabschnitte, aber am Horizont wurde es schon wieder dunkel. Wind kam auf. Es wurde kälter.
Aber auf der Bühne standen die Musiker, klampften in die Saiten, droschen auf Becken und Trommeln, ließen Keyboards heulen, sangen gegen den Regen. »Es wird schon wieder aufhören«, munterte Helga Lennard auf. Er hatte ihr die Freude machen wollen, auf dem German-Woodstock, der Mutter aller künftigen Open Air Festivals in Deutschland, in ihren Geburtstag hinein zu feiern. Sie waren am Samstag bei Freunden mitgefahren und schon mittags auf der Wiese vor der Bühne. Vier unter einer Plastikplane.
Um halbzehn am Abend erklärten die Freunde, dass sie vom Regen die Schnauze voll haben und sich das nicht antun müssen, und ob sie mit zurück nach Hause wollen. Und Helga wiederholte: »Es wird schon wieder aufhören.«
Sie holten die Schlafsäcke, ihre Tasche und noch zwei blaue Müllsäcke aus dem Wagen und wünschten den Freunden eine gute Heimfahrt.
Sie warteten auf Jimi Hendrix. Ab und zu rauschte die Ansage aus den Boxen, dass sich der Auftritt verzögert, dass er aber bereits auf Fehmarn sei. Dann spielten Mungo Jerry »In the summer time«, während es sogar zu regnen aufhörte. Morgen soll es noch schöner werden, verkündete die Lautsprecherstimme, und dann werde er auftreten, the one and only Jimi Hendrix. Morgen, bei Sonnenschein. In the summer time – Mungo Jerry spielte das Stück noch einmal ...
Dann nahm der Wind zu, er wurde zum Sturm. Der Regen schien horizontal vom Himmel zu schauern.
»Egal«, sagte Lennard und wackelte am Draht der Krim-Sekt-Flasche. Als der Korken ploppte und in die schwarzen Wolken schoss, blitzte es, der Donner folgte unmittelbar. Helga klammerte sich an ihn.
»Herzlichen Glückwunsch!« rief Lennard, küsste Helgas nasse Lippen und sah beim zweiten Blitz, dass sie lächelte. »Das hätten sie auf dem Traumschiff mit Eisbombe und Wunderkerzen nie und nimmer so schön hingekriegt«, sagte sie. Dafür liebte Lennard seine Frau. Er fingerte aus der Innentasche seiner Jacke die kleine Schachtel hervor und öffnete sie. Ein goldener Ring mit einem hübschen Stein, – so hatte sie es sich gewünscht, und so erfüllte er ihren Wunsch. Nachts um zwölf bei Wind und Wetter auf dem Love an Peace Festival auf Fehmarn.
Er steckte ihr den Ring auf den Finger. Und der Regen nahm zu, und der Sturm wurde stärker.
Ein paar Freaks liefen mit Holzplatten herum, hielten sie mühsam im Wind, um sie dann als Schutzschild über ihre nassen Schlafsäcke zu decken. »Noch sind welche da!« rief einer. »Du musst dich beeilen!«
Lennard machte sich auf den Weg. Helga blieb am Platz, eingewickelt in der Plastikplane, damit der Wind sie nicht davonriss. Als er zurückkam, ächste er unter der Windlast einer Holzplatte, ein Mann mit nacktem Oberkörper half beim Tragen und fragte mit kicksender Stimme: »Braucht ihr Präser? Hat Beate Uhse heute verteilt! Damit uns warm wird – hahaha!« Er warf Helga zwei oder drei Schachteln zu, doch sie wurden vom Sturm ergriffen.
»Das gibt uns etwas Windschutz«, meinte Lennard, als er sich mühte, die Platte im Erdboden zu fixieren und im übrigen mit dem Rücken abzustützen. »Das ist ‘ne Klotür«, erzählte er Helga. »Die meisten Toiletten liegen flach. Es ist ein Chaos.«
»Hier ist noch Sekt«, sagte Helga. »Es ist schließlich mein Geburtstag.«
Irgendwie gelang es ihnen, aus den Schlafsäcken ein gemeinsames Bett zu machen. »Wenn nur das Dach nicht so tief wäre«, meinte Lennard. Aber Raum ist in der kleinsten Hütte. Und so wurde es trotz allem, was ringsum geschah, trotz kalter Schauer und Sturmböen, eine Geburtstags-Liebesnacht, wie sie so nie wieder sein würde.
Es war windstill und neblig, als sie erwachten. Es war die Stimme, die aus Richtung der Bühne in ungewohnt sanftem Ton durch den Dunst drang: »Hier spricht das Rote Kreuz. Wir haben warmen Tee.«
»Darf ich dich auf einen Tee einladen?« fragte Lennard.
»Ich will nur eben schnell die Betten machen«, antwortete Helga, als sei alles so, wie es sein sollte.
Während sie den heißen Tee schlürften und dazu ein trockenes Brötchen kauten, kam die Sonne durch, verzog sich der Nebel, blaute der Himmel auf. Es war unglaublich!
Am Ende der Wiese parkte ein Lieferwagen und hatte alle Türen geöffnet, um blaugefärbte hartgekochte Eier zu verkaufen. Von der Bühne kam die Durchsage, dass Jimi Hendrix auf dem Weg ist, sein Auftritt in einer halben Stunde...
Und wirklich. Eine Stunde später stand er auf der Bühne, ließ seine Gitarre aufheulen und schmettern, er feuerte Amerikas Hymne über den Platz. Hey Joe, fragte er, wo willst du mit dem Colt hin. Als zuckender Paradiesvogel schrubbte er das Voodoo Child von der Gitarre. Vor der Bühne taumelten die Fans in Trance. So wie er selbst – der das Innerste nach außen kehrte.
»Lasst uns gehen«, sagte Helga, als Jimi sich verabschiedet hatte, »besser wird’s nicht mehr.« Außerdem musste sie zum Klo. Zwei waren noch stehen geblieben. Und während Helga sich der langen Schlange vor den Türen anschloss, reihte Lennard sich vor der dampfenden Gulaschkanone ein.
»Die Speisung der Überlebenden«, meinte Lennard, als er Helga einen Teller anbot. Bis auf den Eiermann waren alle Imbissbuden im Sturm zerstört. Die Notverpflegung hätte auf keiner Speisekarte eine Chance gehabt, Wasser war das Mittel, die erforderlichen Portionen zu schaffen: Kartoffelmus, das einer Suppe glich, wie das Gulasch eher eine fleischhaltige Brühe war. Aber es füllte den Magen.
»Wollt ihr mit nach Puttgarden?« fragte ein Pärchen. »Wir fahren jetzt.«
»Wir kommen mit!« sagte Helga. »Von da können wir den Zug nehmen.« Die Tasche hatten sie bei sich. Die Schlafsäcke hatten sie aufgegeben. Sie würden sie im Chaos nicht wiederfinden, und wenn – es wären nasse Lappen, unmöglich, sie zu transportieren.
Der nächste Zug fuhr erst in anderthalb Stunden. Sie schauten sich den Fährbetrieb an.
»Schnell, schnell! Wir legen ab! Springen Sie!«, rief der Mann auf dem Fährschiff.
Und sie sprangen. Genau genommen, war es nur ein großer Schritt. Aber als sie auf dem Schiff waren, war der Abstand zum Zurückspringen schon zu groß. Diese Kluft zwischen Bordwand und Kai war der Maßstab, wenn Lennard von ihrem »wagemutigen Sprung nach Dänemark« erzählte. Als sie gar nicht vorhatten, hinüberzufahren. Nur die Aufforderung des Fährmatrosen hatte den spontanen Sprung ausgelöst. »Das kann doch eigentlich nicht wahr sein, dass so ein Matrose die Leute an Bord lockt, wenn das Schiff schon auf See ist!«, ereiferte er sich noch jahrelang, während der Abstand zwischen Kai und Schiff immer größer wurde, der Sprung immer tollkühner. Und was noch unglaublicher war: So kamen sie ohne Ticket und Grenzkontrolle nach Dänemark. 1970 war ein Jahr, in dem alles möglich schien, schließlich war sogar Jimi Hendrix nach Fehmarn gekommen. Zu einer Zeit, in der dort sonst stabiles Sommerwetter ist, nur diesmal nicht, auch wenn Mungo Jerry »In the Summer time« sang – damals ganz neu!
Smörrebröd und Heringshäppchen aßen sie an Bord. Eine Wohltat für den Gaumen nach dem Gulaschkanonenfraß – jetzt durfte er es so nennen ...
»Mein Ring!«, sagte Helga dann plötzlich. Mit blassem Gesicht sah sie auf ihre Finger. Der Ehering war noch da, nicht aber der Geburtstagsring mit dem wunderschönen Stein. Helga rannen die Tränen aus den Augen.
In Rödby, wo sie mit der Kleinbahn vom Fährhafen aus hinfuhren, gab es ein Geschäft, das die Touristen auch am Sonntag bediente. Dort kaufte Lennard seiner Helga einen neuen Ring. Silber in nordischem Design – und mit all den Erinnerungen an diesen Festival-Wochenende 1970 am Flügger Strand auf Fehmarn.
Da wo Lennard jetzt in die Sonne träumte, den Enkelkindern beim Sandburgenbauen zuschaute.

Er sah zur Uhr. Mittagszeit. Er schickte sich an, Kartoffelsalat und Frikadellen, Saft, Becher und Teller aus dem Wagen zu holen, als Maike aufgeregt durch den Sand stapfte.
»Opa! Opa! Guck mal, was ich gefunden habe!«
In ihren kleinen Händen hielt sie etwas Glitzerndes.
»Ein Schatz!« rief Maike. »Hier ist ein Schatz vergraben!« Und sie hielt Lennard das Glitzerding entgegen: ein silberner Ring mit blauem Stein, – ein Zirkon, der in der Sonne funkelte.
»Das ist ja ...«, Lennard stockte der Atem. »Das ist der Ring, den Helga hier verloren hat! Damals bei Jimi Hendrix.«
»Oma?« fragte Maike.
»Ja«, nickte Lennard, »Omas Ring! Der, den ich ihr damals zum Geburtstag geschenkt habe. Und dann war er weg!«
»War Oma sehr traurig?«
»Ja. Sie hat geweint. Weil es doch ein so schönes Geburtstags-geschenk von mir war. Ich war auch traurig.«
»Jetzt kriegt sie ihn wieder!«, sagte Maike. »Weil ich ihn gefunden habe. Extra für Oma.«
»Na, die wird überrascht sein. Riesig wird sie sich freuen!«
Maike wuchs ein paar Zentimeter, rieb den Ring an ihrem T-Shirt ab und pustete die letzten Sandkörnchen herunter. »Er ist wirklich schön. Guck mal, Opa, wie das glitzert. Wie die Sonne am Himmel.«
Als sie auf der ausgebreiteten Decke saßen und Frikadellen mit Kartoffelsalat aßen, lag der Ring genau in der Mitte. »Da könnt ihr mal sehen«, philosophierte Lennard, »auf der Erde geht nichts verloren. Aber es ist ein Wunder, es wiederzufinden. Toll, Maike!«
»Da wird sich Oma aber freuen!« freute sich Maike.
»Ich bring ihr eine Muschel mit«, sagte Heiko, »und eine für Mutti.«

Lennard hatte den Ring mit einem Band an den Rückspiegel gebunden, damit er auf keinen Fall erneut verloren ginge. Auf der Rückfahrt auf der Autobahn schwang er sanft hin und her und in seinem Stein bündelten sich die Strahlen der Abendsonne, während die Kinder auf dem Rücksitz schon eingeschlafen waren.
Lennard war zufrieden mit dem Tag. Glücklich sogar, weil sie den Ring wiedergefunden hatten. Und je länger er vor ihm hin und her schwang, um so schärfer wurde auch seine Erinnerung.
Er war golden, der Ring, den er Helga geschenkt hatte! Und der Stein war rot, ein Rubin!
Und hier baumelte ein Silberring mit blauem Zirkon.
Es war schon dunkel, damals, als er Helga den Ring überreichte. Trotzdem wird sie gesehen haben, dass er aus Gold war und ein liebesroter Rubin daran glühte. Sie wird es nicht vergessen haben, auch wenn sie ihn nur ein paar Sekunden lang gesehen hat. Frauen vergessen so etwas nicht, Helga schon gar nicht.
Wie komme ich aus der Nummer wieder raus?, dachte Lennard. Sollte er etwa Maike behutsam erklären, dass Omas Ring ganz anders ausgesehen hat und dass dieser Ring mit dem blauen Funkelstein wohl irgendeiner Frau beim Volleyballspielen am Strand vom Finger gerutscht ist. Die sich jetzt ärgert, weil der Ring weg ist. Dass Meike eigentlich gar kein Recht hat, ihn zu besitzen, dass sie ihn nur behalten kann, weil sie nicht weiß, wer diese Volleyballerin war.
Er musste Helga ein Zeichen geben. Er hätte sie anrufen müssen. Das war jetzt zu spät, die Kinder würden aufwachen. Maike müsste sich betrogen vorkommen.

»Wir sind da!« Maike und Heiko hatten es fast gleichzeitig gerufen. Es war, als ob die letzten Meter bis zum Haus der Kinder eine Weckfunktion hatten. Putzmunter und völlig ausgeschlafen hüpften die beiden einen Augenblick später aus dem Wagen.
»Gib mir den Ring, Opa!« forderte Maike.
»Moment, Moment!«, bremste Lennard und knotete den Ring vom Rückspiegel. »Wartet noch, wir gehen gemeinsam rein.«
Helga und Steffi hatten die Ankunft bemerkt, öffneten die Haustür. Maike lief den Gartenweg hinauf.
»Oma, Oma! Ich hab’ deinen Ring wiedergefunden!« Stolz reckte sie ihre kleine Hand empor. »Er war im Sand. Ich hab’ ihn ausgebuddelt. Da, wo du ihn verloren hast, wo Opa ihn dir zum Geburtstag geschenkt hat«, sprudelte sie hervor.
Helga war gerührt, drückte Maike, wischte sich eine Träne aus den Augen. Lennard, der im Hintergrund irgendwelche Zeichen machte, bemerkte sie nicht. »Wie lieb von dir Maike, und jetzt schenkst du ihn mir? Weißt du was, ich werde ihn dir schenken, wenn du größer bist. Auch zum Geburtstag.«
Maike strahlte.
»Ich hab nur ‘ne Muschel für dich«, meinte Heiko mit gedämpfter Stimme.
Helga legte den Ring hinein. »Sieh mal, wie schön der Ring in der weißen Muschel aussieht! Als ob sie ein kleines Schatzkästchen ist.«
Auch Heiko strahlte.
»Was ist mit dem Ring?«, fragte Steffi ihre Mutter.
»Hat mir Lennard zum Geburtstag geschenkt. Damals 1970 auf Fehmarn. Und ich habe ihn gleich wieder verloren, – weil es so eine stürmische Nacht war.«
»Aha«, ahnte Steffi, »stürmische Nacht! Hat das vielleicht etwas mit meinem Geburtstag im darauffolgenden Mai zu tun?«
»Worum geht’s?« fragte Lennard, der nun mit Taschen und Zeug beladen an der Haustür angekommen war.
»Um eine stürmische Nacht im September, lieber Papa«, lachte Steffi. »1970.«

Später, als Lennard den Wagen nach Hause steuerte und Helga auf dem Beifahrersitz saß, meinte er, eine Sache klären zu müssen.
»Der Ring, den ich dir damals geschenkt habe«, fing er an, »das war ein ...«
Helga unterbrach ihn, um den Satz zu vollenden: »... das war ein Silberring mit blauem Zirkon. Ein wunderhübscher Stein! Kein Wunder, dass du ihn sofort wiedererkannt hast.«
»Was ich immer an dir bewundert habe«, sagte Lennard, »das ist dein unbestechliches Gedächtnis.«
»Und dieser Jimi Hendrix«, sagte Helga, »der hat die Gitarre mit links gespielt.«
»Ja, und die gekochten Eier waren blau«, erinnerte sich Lennard.
»Und der Sprung auf die Fähre ...«, sagte Helga und sprach absichtlich nicht weiter.
Lennard ergänzte: »Das waren zwei Meter – mindestens, bestimmt noch etwas mehr.«

 

Passt zum Sommer und erinnert an das Love & Peace Festival auf Fehmarn

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